Vegan

„Ich vergewaltige nur montags“

Carpe

Die Debatte über Fleischkonsum hat mehrere Aspekte. Sie betrifft Umwelt, Gesundheit und Ethik. Vor allem letzteres bringt uns oftmals in eine moralische Zwickmühle – denn Veganismus ist die einzige Bewegung für soziale Gerechtigkeit, bei der wir Dinge tolerieren, die wir ansonsten verurteilen würden.

Stellt euch vor, jemand würde euch versichern, dass er nur einmal wöchentlich Rassist ist. An sämtlichen anderen Tagen diskriminiert er keine Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe.

Stellt euch vor, jemand erzählt euch davon, nur sehr selten Frauen zu schlagen. Eigentlich ist er für Gleichberechtigung und er weiß ja, dass es falsch ist, was er macht. Er weiß, dass ein anderer Weg besser wäre. Aber 2-3 Mal im Monat kann er halt nicht anders.

Stellt euch vor, jemand rühmt sich damit, dass er nur montags vergewaltigt. An allen anderen Tagen hält er sich zurück. Darauf könne man ja stolz sein.

Diese Beispiele sind extrem. Sie wirken absurd auf uns.

Das hat einen einfachen Grund: Sie sind ethische Kompromisse, die auf einer Waagschalen-Denkweise basieren. Sie verschaffen der jeweiligen Person ein moralisches Selbstbild, das sich dadurch positiv gestaltet und legitimiert, dass mehrheitlich ethisch gehandelt wird. Dieses überwiegend moralische Handeln wird vereinzelten, unethischen Handlungen gegenübergestellt. Das empfundene Gleichgewicht der Waagschale legitimiert die jeweiligen Aktionen in den Augen des Handelnden.

Zudem – und das ist das Wichtigste – handelt es sich bei all diesen Fällen um Handlungen, die wir gesamtgesellschaftlich verurteilen.

Denn wir würden jemanden, der einmal wöchentlich rassistisch handelt, einen Rassisten nennen. Wir würden jemanden, der einmal wöchentlich Frauen unterdrückt als Frauenfeind bezeichnen. Und wenn jemand auch nur einmal jemanden vergewaltigt – nun, dann ist er ein Vergewaltiger.

Die Idee, dass moderater Fleischkonsum ethisch vertretbar ist validiert die Grundidee, dass die Nutzung, Ausbeutung und Ermordung von Tieren gegen ihren Willen grundsätzlich in Ordnung ist. Dieser Grundgedanke spricht den Lebewesen ein Recht auf Freiheit ab, weil es impliziert, dass sie Gegenstände ohne jeglichen Wert sind.

Dieses Denken ist vergleichbar mit dem Konsum von Koffein oder Alkohol. Zwei Kaffees am Tag sind in Ordnung für mich, sie schaden mir nicht. Ein Bierchen am Abend mit Freunden muss ich mir gönnen können. Das macht das Leben doch lebenswert.

Folglich: Ein Stück Fleisch ist doch nichts Schlimmes.

Das Problem ist, dass Tiere keine Objekte sind. Tiere sind fühlende, denkende Wesen mit einem eigenen Charakter. Die Entscheidung, Tiere überhaupt zu nutzen bzw. zu konsumieren ist, im Gegensatz zu Kaffee- oder Alkoholkomsum, mit einem Opfer verbunden.

Kaffeebohnen denken nicht. Sie haben kein zentrales Nervensystem oder Gehirn, mit dem sie Schmerz empfinden könnten. Sie sterben nicht. Sie werden nicht bei vollem Bewusstsein mit einem Bolzenschuss in ebendieses Gehirn getötet, bevor ihnen die Kehle durchgeschnitten wird. Bei Schweinen, Kühen, Hühnern und Schafen passiert letzteres allerdings immer.

Abgesehen davon sieht seltener Konsum von Tierprodukten hierzulande folgendermaßen aus: Zum Frühstück gibt es Kaffee und Cornflakes mit Kuhmilch. Danach vielleicht ein Käse- oder Schinkensandwich oder Rührei. Einige Kuhmilch-Kaffees folgen. Das Abendessen besteht aus Kuh-, Schweine- oder Hühnerfleisch, dazu vielleicht noch ein paar in Butter angebratene Bratkartoffeln. Als Dessert gibt’s ein Joghurt und Kekse (die natürlich Butter enthalten).

Ein ganz normaler Tag für die Mehrheit der Menschen. Das hat nichts mit einem gesunden Maß zu tun.

Und um nochmals auf die Ethik zu sprechen zu kommen: Die Tiere müssen auch für „moderaten“ Konsum sterben, ohne dass es dafür legitime Gründe gibt. Denn wie beispielsweise die American Dietetic Association bewiesen hat, ist für ein gesundes Leben (selbst während Schwangerschaft und Kindheit) eine vegane Ernährung absolut ausreichend. Diese Tatsache macht die Ermordung von Tieren folglich zu einem fundamental unnötigen Akt.

Es ist schön und gut, dass wir uns besser fühlen, wenn wir seltener Fleisch essen. Doch keines dieser Montags-Tiere ist dankbar für diese Entscheidung. Denn sterben muss es trotzdem.

Und kein Level an moderater Zurückhaltung wird daran etwas ändern.

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2 Gedanken zu “„Ich vergewaltige nur montags“

  1. Silvano, ich denke das Montags-Morden ist für viele der beste eigene Kompromiss, um das Gewissen zu beruhigen. Deine ethische Herleitung verstehe ich voll und ganz und finde sie richtig, dennoch ist sie für viele zu radikal. Ich habe dieses Gespräch auch mit Weekday-Veggies geführt. Auch wenn es das Tierleid nicht abnimmt, sind mir diese Leute trotzdem lieber als all jene, die sich mit ihrem Fleischkonsum gar nicht auseinandersetzen. Denn immerhin besteht ja die Chance von“ montags“ irgendwann auf „gar nicht“ umzustellen …lG Antje

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    • silvanomarco schreibt:

      Hey Antje, vielen Dank für deinen Kommentar! Du hast Recht, aus umwelttechnischen und auch aus gesundheitlichen Gründen ist dieser Wechsel sicherlich von Vorteil – und das wollte ich mit meinem Text auch gar nie bestreiten.

      Die Auseinandersetzung mit dem Thema bestand lediglich auf der Annahme, geringerer Fleischkonsum sei ethisch vertretbar bzw. eine ethischere Lösung. Und das stimmt aus meiner Sicht nicht. Auch „ethischer Vegetarismus“ existiert nicht. Denn würde man aus ethischen Gründen – also den Tieren zuliebe – sein Verhalten anpassen, dann würde das mehr einschließen, als lediglich auf den Konsum des toten Fleisches eines Tieres zu verzichten.

      Also ja: Aus gesundheitlichen und umwelttechnischen Gründen sind mir Weekday-Veggies auch lieber als übliche Fleischliebhaber. Aus ethischer Sicht sehe ich aber absolut keinen Unterschied zwischen ihnen.

      Gefällt 1 Person

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