Menschen, Kultur

Wieso Wien?

wiesowien

Seit ich denken kann, wollte ich Städter sein. Ich wollte an einem Ort leben, wo immer etwas passiert, wo immer neue Menschen immer neue Dinge tun. Ich wollte Teil von etwas sein, das sich in stetem Wandel befindet.

Meine Schweizer Freunde fragen mich immer wieder, wieso ich eigentlich genau in Wien lebe. Viele Menschen in meiner Heimat haben keinen wirklichen Bezug zu dieser Stadt.

Doch die Stadt hat mir den Kopf verdreht.

Wenn man sein Leben immer in derselben Stadt verbringt – zum Beispiel in Wien – dann kann es sein, dass man vieles für selbstverständlich hinnimmt.

Doch hier ist für mich fast nichts selbstverständlich. Denn Wien ist einzigartig.

Wien ist Pflastersteingaßen und Donaukanal, Hochhäuser und Altbau, Stephansplatz und Augarten.

Egal, ob man sich mit Freunden nach einem pakistanischen Abendessen noch ein veganes Eis gönnen will oder ob man in einem Heurigen eine um die andere Flasche Wein bestellt. Kulinarisch steht einem die Welt offen.

Egal, ob man einen gemütlichen Abend im Kino verbringen oder unter der Woche bis morgens um fünf feiern gehen möchte. Egal, ob man spontan ein Konzert, ein Improvisationstheater, ein Irish Pub oder ein Museum besuchen will. Alles ist möglich.

Und das liebe ich. Denn die gelebte Kultur dieser Stadt und verleiht ihr einen unglaublich einnehmenden Charme. Die Eigenheiten der unterschiedlichsten Orte und Ideen dieser Welt werden auf eine Art und Weise komprimiert, die ihresgleichen sucht.

Uns wird Möglichkeit um Möglichkeit gegeben, um selbst zu bestimmen, wer wir sein möchten.

Davon konnte ich nur träumen, als ich 1990 im kleinen Bülach nördlich von Zürich das Licht der Welt erblickt habe. Damals lebten in diesem beschaulichen Städtchen gerade einmal 10’000 Menschen. Es war und ist noch immer ein gemächlicher Mikrokosmos aus Minivans, Gartenzaungesprächen, Konzerten von SchülerBands, die Nirvana covern, und florierenden Landwirtschaftszonen, die das Landschaftsbild rund um die ruhigen öffentlichen Plätze kennzeichnen.

Eigentlich befindet sich Bülach ja in Stadtnähe zu Zürich. Doch mir war damals schon klar: Zürich ist Zürich und Bülach gehört da nicht dazu. Allein schon emotional schien mein Heimatort weit davon entfernt zu sein, sich mit Zürich vergleichen zu können.

Wir waren Provinz. Für viele Menschen ist das genau das Richtige. Für mich war es das nicht.

Denn ich wuchs in der festen Überzeugung auf, dass Zürich das Herz der Welt war. Dort wurden wichtige Entscheidungen getroffen. Dort versammelten sich die einflussreichsten Menschen des Landes und entschieden, was die Zukunft für uns bereithalten würde.

Es war dieser magische Ort, an dem alles möglich war. Das New York der Schweiz sozusagen. Und ich konnte es kaum erwarten als ich mit Anfang zwanzig meine Siebensachen packte und mich one-way auf den Weg in die Stadt machte.

Ich glaube sogar, dass ich aus Schweizer Sicht nicht Unrecht hatte. Politisch lassen sich in Zürich zwar keine Stricke zerreißen, dafür muss man schon in die Hauptstadt nach Bern. Ökonomisch und gesellschaftlich ist der Einfluß Zürichs allerdings unübertroffen.

Wenn ich also wirklich etwas erreichen wollte, musste ich raus. Und das tat ich dann auch. In Zürich gründete ich meine erste Firma, lernte Menschen aus allen Ecken des Landes kennen und studierte. Und ich liebte die Vielseitigkeit!

Nach einigen Jahren, als sich das Studium dem Ende zuneigte, verbrachte ich dann ein Semester in Wien. Ich muss zugeben, meine erste Wahl war die Stadt nicht gewesen. Ich wollte eigentlich nach Auckland in Neuseeland, weit weg von Zuhause. Da dies aufgrund universitärer Unstimmigkeiten nicht möglich war, trat ich schlussendlich die Zugreise nach Österreich an.

Und ich habe mich verliebt.

In die Gaßen, in den Wiener Schmäh, in Worte wie Bim, wuzzeln, ur oder deppat oder in die Tatsache, dass etwas nicht für, sondern um 10 Euro erhältlich ist. Ich liebe das politische Engagement dieser linken Bubble in meinem neuen Leben und die Schönheit einer Stadt, durch die man nach dem Clubbesuch mitten in der Nacht nach Hause läuft mit dem Gefühl, sich in einem Freilichtmuseum zu befinden. Ich liebe die Kultur und die Geschichte an jeder Ecke, die Ballsaison, die Heurigen und die Buschenschänke, das U-Bahn-System, das Nachtleben und die Offenheit der Wiener.

Und ja, ich liebe die Wiener und Wahlwiener.

Aber ich muss ehrlich sein: Als Schweizer ist das ziemlich einfach. Denn Österreicher scheinen uns zu lieben, ohne dass sie uns kennen. Ein Kennenlernen fällt da ziemlich leicht.

Wieso Wien, fragt ihr?

Ich werde nie in einem Satz zusammenfassen können, wieso mich dieser Ort so gepackt hat. Es ist die Vielfalt – das auf Stichworte zu reduzieren würde der Stadt Unrecht tun.

Und die Schüler-Bands, die Nirvana covern, sind besser hier.

 

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