Vegan

Wo beginnt Recht?

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Nachdem ich kürzlich einen Blogbeitrag über die ersten 100 Tage meines Veganerdaseins veröffentlicht habe, setze ich mich auch heute mit der Beziehung zwischen Mensch und Tier auseinander. Neben dem körperlichen Wohlbefinden, das ich durch meine neue Ernährungsweise verspüre, beschäftige ich mich nämlich seither auch im Alltag vermehrt mit den Themen der Tierhaltung und dem gesellschaftlichen Umgang mit Tieren generell.

Diese Themenbereiche werfen irgendwann automatisch zwei Grundsatzfragen auf: Welche Rechte sollten wir Tieren eigentlich zusprechen? Und ebenso wichtig: Wie würden wir diese allfälligen Rechte legitimieren?

 “The question is not, „Can they reason?“ nor, „Can they talk?“ but „Can they suffer?” ― Jeremy Bentham, The Principles of Morals and Legislation

Das wichtigste Voraus: Wie bereits erwähnt bin ich Veganer und ja, ich habe daher natürlich eine ideologische Position in dieser Debatte. Ich werde dennoch versuchen, diesen Beitrag so faktenbasiert wie möglich zu gestalten und meine Schlussfolgerungen auf die dahinterstehenden Argumente zu stützen. Denn dieser Beitrag soll sich ohne Vorurteile an alle Menschen richten – egal ob Pflanzen- oder Fleischesser.

Doch wieso ist dieses Thema überhaupt wichtig?

In Österreich werden jedes Jahr 5.5 Millionen Schweine getötet. Im Schnitt leben diese Tiere vor ihrem Tod auf einer Fläche von 0,7m². Männliche Schweine werden meist in den ersten sieben Lebenstagen unbetäubt kastriert.

Masthühner wachsen heutzutage innerhalb eines Monats auf ein Gesamtgewicht von 2 Kilogramm heran. Dieses durch Überzüchtung hervorgerufene Wachstum hat fatale Folgen: 30% der Masthühner haben gebrochene Beine, wenn sie geschlachtet werden.

Zudem werden in Österreich allein jährlich ca. 220 000 Tiere für Tierversuche getötet. Dies sind allen voran Ratten, Mäuse und Kaninchen, weil diese sich schnell wieder vermehren.

Es gibt natürlich noch viele weitere Fakten, doch damit sei schon einmal dargelegt, wieso diese Debatte überhaupt geführt werden muss – und wieso dies faktenbasiert geschehen soll.

#1: Sollten Tieren Rechte zugesprochen werden, weil sie genau wie wir komplexe Denkmuster haben können?

Ein Argument für Tierrechte wäre in diesen Fall die Tatsache, dass Tiere wie Menschen Gefühle haben und in der Lage sind, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Natürlich sind hier nicht alle Tiere miteingeschloßen.

Eine Entscheidung auf Basis dieser Argumentation wäre allerdings schwierig – denn wie würde man mit menschlichen Säuglingen oder geistig behinderten Menschen umgehen, für die moralische Entscheidungen teilweise ebenso unmöglich sind wie für viele Tiere?

Wenn man also die Intelligenz als Standard für Rechte nimmt, dann läuft man Gefahr, damit einzelne Menschen auszuschließen.

“If possessing a higher degree of intelligence does not entitle one human to use another for his or her own ends, how can it entitle humans to exploit non-humans?” ― Peter Singer, Animal Liberation

#2: Sollten Tieren Rechte zugesprochen werden, weil sie zu einer gewissen Form des sozialen Kontakts fähig sind?

Ein schwieriger Punkt. Denn wie wir aus eigener Erfahrung wissen, haben Menschen beispielsweise durch die Domestizierung des Hundes eine Spezies erschaffen, die für den Menschen fast schon eine Form der Liebe empfinden kann. Dadurch treten die Tiere in einen gewissen Konsens mit dem Menschen, was erlaubt und was verboten ist – beißen geht zum Beispiel nicht. Die „Rechte“ des Menschen werden in diesem Fall also respektiert.

Dem kann entgegen gestellt werden, dass Tiere zwar in der Lage sind, Rechte zu respektieren, nicht aber Pflichten zu übernehmen, die in der modernen Gesellschaft an diese Rechte geknüpft sind.

#3: Sollten Tieren Rechte zugesprochen werden, weil Menschen Rechte haben?

Darwins Evolutionstheorie hat belegt, dass Arten sich als Teil der organismischen Evolution in stetiger Veränderung befinden und dass der Mensch – wie sämtliche anderen Landtiere – erst entstanden ist, nachdem Lebewesen in der Vergangenheit das Wasser verlassen und sich an Land angesiedelt haben.

Wir sind schlicht und einfach mit allen Tieren verwandt – mit einigen mehr, mit anderen weniger. Wo zieht man also die Grenze für Rechte? Ist es tatsächlich legitim, hierfür nur die eigene Spezies einzuschließen?

Angreifbar ist dieser Gedanke natürlich, weil man dadurch auch legitimieren könnte, dass Bakterien oder Viren Rechte zugesprochen werden müssten.

Grundsatzfrage: Sollten Tiere Rechte haben, die uns daran hindern, sie zu konsumieren?

Für viele Menschen ist die Ermordung von Tieren – z.B. in Form von Jagd als Sport – ein Zeichen einer unzivilisierten Gesellschaft. Ihr Argument ist, dass eine Gesellschaft, die keinen Platz für akzeptierten Mord an Mitgliedern einer anderen Spezies hat, eine bessere ist.

Das Gegenargument kennen wir alle: Es sei natürlich für den Menschen, Fleisch zu konsumieren. Es gibt eine Nahrungskette, nach der man sich richten sollte. Abgesehen davon ist es für den Menschen notwendig, tierische Produkte zu konsumieren.

“Poor animals, how jealously they guard their bodies, for to us is merely an evening’s meal, but to them is life itself.” ― T. Casey Brennan

Dass der Konsum von tierischen Produkten für den Menschen kein Muss ist, wurde allerdings bereits von vielen Studien belegt. Einige davon behaupten sogar das Gegenteil: Vegetarier und Veganer leben gesünder.

Was schließen wir daraus?

Dass diese Debatte meist aus Sicht der Menschen geführt wird und auf den allfälligen Nutzen abzielt, der aus Tieren gezogen werden kann, ist ein grundsätzliches Problem. Denn sie sollte ebenso aus Sicht der Tiere geführt werden.

Ich persönlich empfinde die Trennung von Mensch und Tier generell schon als sehr zufällig und undifferenziert. Uns selbst gönnen wir eine eigene Kategorie – sämtlichen anderen Lebewesen mit Bewusstsein eine andere. Dabei gibt es bei Tieren massive Unterschiede, was die Ausprägung der Gehirne und der sensorischen Wahrnehmung gibt.

Dass allen Tieren Rechte zugesprochen werden, ist wohl unrealistisch und auch nicht notwendig (wie schon bei #3 angesprochen). Doch Wirbeltiere, die erwiesenermaßen zu Emotionen, Schmerzen und komplexen Denkmustern fähig sind, müssen aus meiner Sicht – genauso wie sämtliche Menschen – rechtlich geschützt werden.

“I have from an early age abjured the use of meat, and the time will come when men such as I will look upon the murder of animals as they now look upon the murder of men.” ― Leonardo da Vinci

Und meine Begründung für die obige Forderung ist simpel: Einer ethikbasierten Argumentation halten die Alternativen – angesichts der Fakten – nämlich schlicht und einfach nicht statt.

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3 Gedanken zu “Wo beginnt Recht?

  1. Ich bin auch seit diesem Jahr Veganerin, und bin sehr glücklich damit. Es ist echt toll deine Argumente nochmal so zu lesen, denn irgendwie hilf die Bestätigung schon, bei all der nervigen „Kritik“ von außen. Eine Sache, die mir bisher immer geholfen hat, wenn die Gegenüber keine Argumente gelte lassen wollten, war zu sagen: Hey, es ekelt mich einfach auf allen Ebenen. Denn gegen meine Gefühle kann eben auch kein Argumnet mehr gestellt werden. LG

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