Kultur, Welt

Denn wir wissen nicht, was wir tun

manwalkingalone

Vor Kurzem bin ich auf einen Artikel gestoßen, in dem neue Studiengänge im Erwachsenwerden beschrieben werden, die sich speziell an die Gruppe der Millenials richten. Und es scheint tatsächlich Bedarf zu bestehen. Denn auch online wimmelt es von leicht verdaulichen Tutorials, die einem den Schritt in die Erwachsenenwelt erleichtern wollen.

Doch was ist das eigentlich, dieses Erwachsensein?

Als ich noch ein Kind war, waren meine Eltern allwissend. Sie hatten stets den Überblick. Sie wussten, was zu tun war und waren in sämtlichen Begebenheiten der Welt bewandert. Selbst wenn mein Vater mir bei Stadt-Land-Fluss immer wieder die Chance gab mich zu beweisen, wusste ich bereits damals insgeheim, dass es sein eigentliches Ziel war, mein Selbstbewusstsein zu stärken. Denn gedanklich war er mir stets fünf Schritte voraus. Im Nachhinein betrachtet erscheint das nicht sonderlich schwierig, wenn man gegen einen Achtjährigen spielt.

Doch noch heute kann ich mich an meine damaligen Gedanken erinnern: Papa weiß, wie die Welt funktioniert. Er versteht das Leben. Und das ist logisch: Er ist ja erwachsen.

In meiner kindlichen Vorstellung des Erwachsenseins erreicht jeder Mensch in Laufe seines Lebens die magische Grenze, ab deren Überschreitung alles einen Sinn ergibt. Die Grenze, ab welcher man sich herausfordernden Aufgaben annimmt, ab der man die komplexen Geschehnisse der Welt einzuordnen vermag und ab der man die Kontrolle über das eigene Leben übernommen hat. Faktisch bedeutete diese imaginäre Grenze die spontane Verwandlung eines Menschen in einen anderen – der Zuversorgende wird zum Versorgenden, der Unwissende zum Wissenden.

Heute bin ich 26. Und es hat sich herausgestellt, dass die Realität nicht ganz so abrupt handelt, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Ich weiß nur, dass ich nichts weiß. – Socrates

Seit mittlerweile zehn Jahren kämpfe ich mich durch die Werke von Philosophen und Self-Improvement-Gurus, verschlinge Biographien bedeutender Persönlichkeiten der Geschichte und tauche in Dokumentationen ein, die wichtige gesellschaftspolitische Veränderungen beleuchten.

Es hat mich schon immer fasziniert, wie die Menschen funktioniert und gedacht haben, über die man auch hunderte Jahre nach ihrem Tod noch schreibt und spricht. Menschen, deren Ideen bis heute überlebt haben.

Und irgendwann fragte ich mich: Empfanden diese Menschen, dass sie erwachsen sind, als sie diese Ideen zu Papier gebracht haben, die die Menschheit nachhaltig verändert haben? Und glaubten sie verstanden zu haben, was das Leben eigentlich bedeutet?

Es stellt sich heraus, dass der Begriff des Erwachsenseins für diese Fragestellung wohl nicht perfekt geeignet ist, da er gesellschaftlich zumeist mit dem Überschreiten des 18. Altersjahres oder dem Anfang des Berufslebens gleichgesetzt wird. Das Konzept des Erwachsenseins hat einen fixen Platz in unserem Verständnis der menschlichen Entwicklung. Ich persönlich bevorzuge daher den Begriff der geistigen Reife.

Aus meiner Sicht – und das ist jetzt wirklich subjektiv – beginnt die geistige Reife, wenn man anfängt sich mit Dingen zu beschäftigen, die größer sind als man selbst. Für viele sind das vielleicht Kinder. Es können politische Bewegungen sein. Geistige Reife beginnt dann, wenn man Verantwortung für seine eigenen Gedanken übernimmt und sich fragt, wer man eigentlich ist und was man eigentlich auf dieser Welt will.

Man is condemned to be free; because once thrown into the world, he is responsible for everything he does. – Jean-Paul Sartre

Sartre hat es bereits einmal schön gesagt: Irgendwann müssen wir Verantwortung übernehmen. Und vielen Menschen macht das Angst. Ich persönlich bin kein Fan der Begriffe Generation Y oder Millenials, auch wenn ich sie ab und zu selbst nutze. Diese Begriffe dienen vor allem den Medien dazu, etwas Publizierbares zu generieren und Komplexität zu reduzieren. Dass den Mitgliedern meiner Generation eine etwas egozentrische und erfolgsorientierte Grundstimmung gepaart mit relativer, politischer Passivität zugesprochen wird, kann ich dennoch nachvollziehen.

Und vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb wir Tutorials brauchen: Der Fokus auf das Selbst führt zum Aufbau einer digitalen Scheinwelt, in der man selbst die Hauptfigur ist. Diese Grundidee bahnt sich auch ihren Weg in die Realität, in der man Jobs und Beziehungen wechselt, um voran zu kommen – und ich schließe mich hier keinesfalls aus.

Doch diese Gedankengänge haben einen grundsätzlichen Makel. Dadurch, dass sich der Fokus der Reflexion auf den persönlichen Fortschritt beschränkt, bleibt der Fortschritt der Gesellschaft auf der Strecke. Diese Entwicklung führt zu einem ausgeprägten Individualismus, der auf der eigentlichen Suche nach Glück und Erfüllung alles ausblendet, was größer ist als man selbst.

Man ist nicht mehr bereit, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen oder sich Aufgaben anzunehmen, die keinen persönlichen Nutzen mit sich bringen.

Außerdem nährt es ein Problem, das man auch aus der Politik kennt: Die Kurzfristigkeit.

Wie Politiker, die nicht über ihre Amtszeit hinausplanen wollen und dadurch keine großen Investitionen unterstützen, von denen erst unsere Kinder profitieren werden, versuchen ausgeprägte Individualisten vor allem, Schritt für Schritt an ihrer eigenen Entwicklung zu arbeiten.

Das ist per se nicht schlecht.

Das Problem dabei ist nur, dass der Blick für das Große Ganze im Kleinteiligen verloren geht, wenn man ausschließlich so denkt. Denn damit wird der persönliche Zeithorizont für Entscheidungen praktisch nie die 1-Jahres-Grenze überschreiten. Wieso sollte ich mich also für eine Ideologie einsetzen, wenn ich die Folgen meiner Arbeit vielleicht gar nie erleben werde? Wieso sollte ich meine Zeit nicht eher in Spaß investieren? Das sind absolut legitime Fragen.

Everything has been figured out, except how to live. – Jean-Paul Sartre

Aus meiner Sicht bietet uns dies moderne Herangehensweise an unser eigenes Leben einen angenehmen Selbstschutz. Wir beschützen uns nämlich vor der Frage: Wer bin ich und was mache ich eigentlich hier?

Der schrittweise Aufbau eines online verfügbaren Selbstbilds stiftet Identität und lenkt uns von der Tatsache ab, dass wir eigentlich keine Ahnung haben, was unsere Aufgabe ist.

Denn wenn ich ehrlich bin, bin ich immer noch dieser kleine Junge, der mit seinem Vater Stadt-Land-Fluss spielt. Ich springe noch immer von einem weißen Fussgängerstreifen auf den nächsten und schaue nachts fasziniert in den Himmel. Ich schlafe noch immer gerne viel zu lange aus und mache kindische Witze.

Es gab bisher keinen Moment, in dem ich mich plötzlich in einen Erwachsenen verwandelt habe. Und dennoch bin ich hier. Und langsam muss ich Verantwortung übernehmen. Die Frage ist nur: Für wen?

A life is not important except in the impact it has on other lives. – Jackie Robinson

Manchmal geht mir der Gedanke durch den Kopf, dass es Menschen wir Barack Obama oder Angela Merkel nicht anders geht als mir. Ich habe mich gefragt, wie sie sich gefühlt haben, als sie als Präsidenten ihrer jeweiligen Länder vereidigt wurden. Wahrscheinlich hatten auch sie Momente, in denen sie dachten: „Oh shit, wenn die Leute wüssten. Ich bin doch auch nur ein Mensch.“

Und das ist doch irgendwie beruhigend, denn zumindest in diesem Gedankenspiel sind wir alle ziemlich gleich. Es gibt jedoch zwei Punkte, in denen sich Personen wie Obama, Merkel, aber auch Mandela, Goethe, Sartre oder Musk von den vorhin angesprochenen, stereotypischen Individualisten unterscheiden:

Sie haben für sich erkannt, dass es Dinge gibt, die größer sind als sie selbst und es zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, an diesen Dingen zu arbeiten.

Und das ist irgendwie ziemlich erwachsen.

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2 Gedanken zu “Denn wir wissen nicht, was wir tun

  1. Marianna schreibt:

    Gutes Thema, das vermutlich jeden beschäftigt, aber jeder anders auslegt. Zu ein paar Sachen is mir was eingefallen:

    „Ich persönlich bevorzuge daher den Begriff der geistigen Reife. […] Geistige Reife beginnt dann, wenn man Verantwortung für seine eigenen Gedanken übernimmt und sich fragt, wer man eigentlich ist und was man eigentlich auf dieser Welt will.“

    Da muss ich dir zustimmen, ich glaube geistige Reife setzt auch Reflektionsfähigkeit voraus und verantwortungsvoll mit sich und der Umwelt umzugehen.

    „Der Fokus auf das Selbst führt zum Aufbau einer digitalen Scheinwelt, in der man selbst die Hauptfigur ist.“

    Da stimme ich dir auch zu, aber nur zum Teil. Mit der digitalen Scheinwelt machen sich die Leute oft nur von externer Bestätigung abhängig und/oder lenken sich damit (von sich selbst) ab. Man bleibt so immer nur auf der Oberfläche. Ich glaube, dass der Fokus auf das Selbst auch wichtig ist, damit man seine eigenen Bedürfnisse nicht vergisst. Denn ist man mit sich selbst im reinen, braucht man auch weniger Anerkennung von außen und hat die Scheinwelt weniger nötig. Und das schließt auch an das nächste:

    „Der schrittweise Aufbau eines online verfügbaren Selbstbilds stiftet Identität und lenkt uns von der Tatsache ab, dass wir eigentlich keine Ahnung haben, was unsere Aufgabe ist.“

    Guter Punkt. Wenn man ständig damit beschäftigt ist, sich Bestätigung zu holen (online und offline), bekommt man den Kopf nicht für anderes frei.

    Ich mache mir auch in letzter Zeit oft Gedanken dazu, wie ich im Alltag gesellschaftlich relevante Beiträge leisten kann – wenn auch nur durch kleine Gesten. Irgendwie sollte man starten 🙂

    Gefällt mir

    • silvanomarco schreibt:

      Hi Marianna, danke für deinen ausführlichen Kommentar 🙂

      Ich sehe das grundsätzlich genau wie du: Selbstdarstellung ist oft nur oberflächlich.

      Zu deiner Anmerkung mit der Aufgabe im Alltag: Ich finde das auch unheimlich schwierig und ich glaube, dass dieser Fokus von Person zu Person variiert. Es beginnt aber ziemlich sicher mit einer Reflexion darüber, welche Werte man vertreten möchte. Wenn das einmal klar ist und man sich mit der Grundrichtung identifizieren kann, fallen die konkreten Schritte auch leichter.

      Aus meiner Erfahrung ist Beginnen mit Abstand das Wichtigste. Ich persönlich hatte früher immer das Problem, dass ich zehn verschiedene Projekte gleichzeitig beginnen wollte und schlussendlich nichts davon richtig durchgezogen habe. Der Fokus auf ein Thema und eine Massnahme ist glaube ich zentral – dann kann man auch langfristiger handeln.

      Also: Just do it! 😉

      Gefällt 1 Person

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