Vegan

100 Tage vegan

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Seit genau 100 Tagen lebe ich nun schon vegan. Und das ist nicht selbstverständlich. Denn Wurst, Schnitzel und Steak, aber auch milch- oder eihaltige Lebensmittel wie Käse, Kuchen oder Milchschokolade waren bis vor gar nicht allzu langer Zeit zentraler Bestandteil meines Speiseplans.

Mit diesem Beitrag möchte ich mich an all jene Menschen richten, die sich nie im Leben vorstellen könnten, auf tierische Produkte zu verzichten.

Das tägliche Stück Fleisch

Wenn meine Familie Gäste zu Besuch hatte, marinierte ich das Fleisch. Landjäger oder Cervelat waren Snacks für zwischendurch, Käse beinahe schon mein Hauptnahrungsmittel. Und ich war unglaublich unkompliziert. Wenn ich in Restaurants essen ging oder mich auf Reisen befand, dann war ich der kulinarisch experimentierfreudigste Mensch, den man sich vorstellen kann. Nichts war vor mir sicher.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich so fitnessversessen war, dass ich ein Kilogramm Hühnchen und acht Eier am Tag gegessen habe. Doch die Nonchalance, mit der ich diesen Ernährungsstil damals angegangen bin, hat mich nie überrascht.

Denn in meiner Familie bildete Fleisch schon immer den Kern einer Mahlzeit. Das jeweilige Gericht wurde um das ausgewählte Stück Fleisch aufgebaut. Alles Nicht-Tierische, das früher oder später seinen Weg auf meinen Teller fand, war wortwörtlich Beigemüse.

Ich wage zu behaupten, dass ich in den ersten 23 Jahren meines Lebens praktisch täglich Fleisch gegessen habe. Ich war nie Flexitarier, also eine Person, die nur selten und nur sehr ausgewähltes Fleisch konsumiert.

Nein, ich war Fleischesser. Und zwar so richtig.

Doch dann…

Doch etwas ist passiert. Und irgendwie hat dieses etwas es geschafft, mein Leben auf den Kopf zu stellen. Denn seit genau 100 Tagen verzichte ich auf sämtliche Produkte tierischen Ursprungs. Das betrifft in meinem Fall auch andere Lebensbereiche wie Kleidung, wo ich beispielsweise auf den Kauf von Leder verzichte. In diesem Beitrag werde ich mich allerdings auf den Aspekt der Ernährung beschränken.

Wie in so vielen Geschichten, die von einer Einstellungsänderung handeln, war es auch bei mir ein Film, der mich vor zweieinhalb Jahren erstmals über das Thema Fleischkonsum hat nachdenken lassen.

Vegucated ist eine amerikanische Dokumentation aus dem Jahr 2011, in der sich drei Fleisch- und Käseliebhaber auf ein 90-tägiges Experiment einlassen, in dessen Verlauf sie über viele Aspekte der Massentierhaltung und der Herstellung tierischer Produkte aufgeklärt werden. Zudem dürfen sie sich während dieser Zeit nur vegan ernähren. Es fiel mir sehr leicht, mich mit diesen Menschen zu identifizieren, da ich genau wie sie zuvor nie mit einer fleischlosen Ernährung in Berührung gekommen war.

Doch der Film hat mich berührt. Die Entwicklung der Charaktere war eindrücklich. Ich fühlte mich danach, als hätte ich mein Leben lang ein Unrecht toleriert, weil ich einfach ausgeblendet habe, dass es existiert. Der Film hat mir erstmals wirklich aufgezeigt, dass es durchaus Gründe gibt, die gegen den Konsum von Fleisch sprechen.

Ich wollte ausprobieren, wie sich eine fleischlose Ernährung anfühlt.

Gleich nach dem Abspann des Films habe ich beschlossen, eine Woche lang auf Fleisch zu verzichten. Die Hürde war bewusst tief gewählt, denn ich wollte dieses Vorhaben unbedingt durchziehen.

Die sieben Tage waren schnell vorbei. Und ich fühlte mich gut, wenn auch nicht großartig anders als vorher. Immer wieder dachte ich zurück an den Film und fragte mich, ob das, was ich hier mache, wirklich konkrete Auswirkungen auf die Welt hat. Wieviele Tiere wären wohl gestorben, wenn ich mich normal ernährt hätte? Bringt es der Welt wirklich etwas, wenn ich ein Quorn- statt ein Schweineschnitzel anbrate?

Auf die erste Woche folgte eine zweite. Und auch diese war schnell vorbei. Ich war unglaublich überrascht, wie leicht mir der Verzicht auf Fleisch fiel. Es fühlte sich eigentlich gar nicht wie Verzicht an. Da ich überzeugt war, dass mein Nicht-Handeln effektive Konsequenzen für einzelne Tiere hat, war meine Ernährungsweise an sich fast schon eine Belohnung. Ich freute mich, nach dem Tofu zu greifen, wenn meine Mitbewohner ein Steak in die Pfanne hauten. Und mir blieben ja noch immer andere tierische Produkte, weshalb ich mir statt einem Schinkensandwich noch immer einfach ein Käsebrot machen konnte. Die Alternativen waren zahlreich.

Ab wann wird aus einer Gewohnheit eine Ideologie?

In meinem Wandel bemerkte ich, dass sich meine Sicht auf Vegetarismus gemeinsam mit mir veränderte. Mir wurde bewusst, dass das, was ich mache, nur einen sehr kleinen Einfluss auf die globale Massentierhaltung hat. Ich bin eine einzelne Person. Wegen mir werden keine Konsequenzen in der Fleischindustrie bemerkbar sein.

Doch es ging nicht mehr nur um die Tiere. Es ging um mich. Faktisch war es eine Grundsatzentscheidung: Welche Werte habe ich und welches Handeln ist mit diesen Werten vereinbar?

Wollte ich wieder Teil einer Bewegung sein, die Lebewesen zu einem Produkt macht? Tiere, die wie wir emotionale Wesen sind, die Neugier, Angst und Liebe empfinden können? Eine Studie hat herausgefunden, dass Kühe beste Freunde haben. Schweine können Optimisten oder Pessimisten sein. Genau wie wir haben Tiere komplexe Denkmuster, verstehen die Welt auf ihre Art und Weise. Nur leider haben sie das Pech, im falschen Körper geboren worden zu sein.

Es fühlte sich an wie eine Erleuchtung, auch wenn es niedergeschrieben so naheliegend erscheint. Fast jeder Mensch sagt, dass er Mitleid mit Tieren hat und dass Fleischkonsum moralisch gesehen ja eigentlich etwas negatives ist. Ich war nicht anders. Wirklich darüber nachgedacht hatte ich allerdings nie.

Doch nun gab es diesen Moment, in dem ich es zum ersten Mal wirklich verstand. Und dieser Moment hat mein Leben verändert.

All das passierte im Mai 2014. Seither bin ich Vegetarier.

Die Fakten

Ich habe mich in den vergangenen zweieinhalb Jahren außerordentlich stark mit dem Thema der fleischlosen Ernährung auseinandergesetzt. Ich habe gelernt, dass die Massentierhaltung für bis zu 51% der weltweiten Treibhausgasemissionen und für 65% aller menschenbezogenen Emissionen von Distickstoffoxid verantwortlich ist. Letzteres ist ein Treibhausgas, das einen bis zu 296 Mal stärkeren Einfluss auf die Klimaerwärmung hat als Kohlendioxid. Außerdem ist es für 150 Jahre in der Atmosphäre nachweisbar.

Ich habe gelernt, dass in 1 Kilogramm Rindfleisch fast 1300 Liter Wasser fließen und dass in den USA 80% der Getreideernte zu Viehfutter verarbeitet wird, obwohl es für den menschlichen Konsum absolut geeignet wäre. Außerdem werden 98% (!) der weltweit geernteten Sojabohnen als Viehfutter verwendet.

Ich habe gelernt, dass Menschen jährlich 56 Milliarden Nutziere töten. Dass Kühe künstlich geschwängert werden, damit sie Milch geben und dass ihre Kälber von ihnen weggenommen werden, damit sie ebendiese Milch nicht wegtrinken. Ich habe gelernt, dass in Österreich allein fast 10 Millionen männliche Küken jährlich gleich nach der Geburt geshreddert werden, weil sie das falsche Geschlecht haben.

Und ich habe mich gefragt, ob Vegetarier zu sein angesichts dieser Tatsachen wirklich genug ist. Denn als Vegetarier verzichte ich zwar auf den Konsum von Fleisch, nicht aber auf Tierprodukte an sich. Ich esse noch immer milch- und eihaltige Produkte, obwohl die Produktion auch dieser Lebensmittel faktisch mit Tierleid verbunden ist. Außerdem ist mein negativer Einfluß auf die Umwelt auch als Vegetarier bedenklich, da sich an der Massentierhaltung an sich wenig bis gar nichts ändert.

Wir, die Erdlinge

Als ich dann, vor genau 100 Tagen, auf die Dokumentation Earthlings gestoßen bin, fiel mir die Entscheidung auf einmal leicht. Wie ich bereits in einem anderen Blogartikel geschrieben habe, hat dieser Film einen unglaublichen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich empfehle jedem Fleischesser, sich diesem Film auszuschauen. Er hatte eine gewaltige emotionale Wirkung auf mich und war nur sehr schwer zu verdauen.

Seither lebe ich rein pflanzenbasiert. Und da ich das Glück habe, in einer großartigen Stadt wie Wien zu leben, ist das auch im Alltag ziemlich einfach. Die veganen Alternativen sind in etlichen Restaurants zahlreich, das Bewusstsein bei vielen Menschen vorhanden. Und dennoch bin ich mir natürlich bewusst, in einer Bubble zu leben.

Denn verlässt man Wien, sieht die Welt schon anders aus. Du, der diesen Text gerade liest, bist vielleicht Fleischesser. Vielleicht bist du dir einigermaßen bewusst, was mit Tieren passiert, kannst es aber mit deinem Wertekatalog vereinbaren. Vielleicht siehst du es als dein Recht, Fleisch zu konsumieren. Das gilt es zu respektieren. Ich habe nicht vor, anderen Menschen meine Werte aufzuzwingen.

Dennoch würde ich dir entgegnen, dass ein persönliches Recht nicht wirklich funktioniert, wenn das Durchsetzen dieses Rechts Opfer zu beklagen hat.

The greatness of a nation and it’s moral progress can be judged by the way its animals are treated. – Mahatma Gandhi

Ich wünsche mir, dass Menschen sich bewusst ernähren. Und mit diesem Bewusstsein geht für mich ein Wissen über Haltungsbedingungen von Nutzieren und ein effektives Verständnis der Produktion unterschiedlicher Lebensmittel einher. Denn wenn ich eines gelernt habe, dann, dass Tiere keine Produkte sind und dass wir sie unter keinen Umständen wie solche behandeln sollten.

Es klingt selbstverständlich. Doch der Weg zu diesem gesamtgesellschaftlichen Verständnis ist leider noch weiter, als er meiner Ansicht nach sein sollte. Und ich hoffe, meinen Teil dazu beitragen zu können, diese Tatsache zu ändern.


Filme zum Thema

Vegucated (Netflix)
Cowspiracy (Netflix)
Forks Over Knives (Netflix)
Earthlings (Youtube)

 

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