Kultur, Welt

Kompromisslos

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Diesen Donnerstag bin ich über einen Meinungsartikel gestoßen, der mich zum Nachdenken gebracht hat. Die vor Kurzem von Barack Obama begnadigte Whistleblowerin Chelsea Manning resümiert darin dessen Amtszeit kritisch. Sie, die am 17. Mai 2017 aufgrund einer Begnadigung durch den mittlerweile abgelösten US-Präsidenten wieder in Freiheit wird leben können, tadelt im Text seine wiederholte Suche nach Kompromissen mit politischen Gegnern. Sie wünscht sich einen progressive leader, eine fortschrittliche Führungspersönlichkeit.

Dieser Wunsch wirft eine generelle Frage auf: Sollte man bei einer Meinungsdifferenz manchmal vielleicht gar keinen Kompromiss suchen?

Obamas Abstrafung

Dass Barack Obama eines der charismatischsten Staatsoberhäupter unserer Zeit war, ist wohl unbestritten. Manning bemängelt aber, dass er es nicht geschafft habe, dieses Charisma in Diskussionen auf seine politischen Gegner wirken zu lassen und damit echten Fortschritt zu erreichen.

„When it came to foreign policy, even though he was only carrying out the expanding national security policies of the previous administration, they would ceaselessly criticize him for being too weak, or too soft or too sympathetic. After months of comprise on his end, they never cooperated a single time. […] For eight years, it did not matter how balanced President Obama was. It did not matter how educated he was, or how intelligent he was. Nothing was ever good enough for his opponents. It was clear that he could not win. It was clear that, no matter what he did, in their eyes, he could not win.“

Diese Argumentation kritisiert einerseits die Unfähigkeit der Republikaner,  eine Diskussion auf Augenhöhe zu führen und andererseits die Passivität Obamas, von dem sich Manning mehr Entschlossenheit gewünscht hat.

Ist Kompromisslosigkeit manchmal die Lösung?

Manning sagt ja. Und ich muss eingestehen, dass ich sie verstehe, wenn ich einige aktuelle Aussagen von Politikern betrachte.

Momentan legitimiert beispielsweise der Schweizer Nationalrat Andreas Glarner die Verwendung einer mit einer Burka verschleierten Frau als Symbol auf einem Abstimmungsplakat; bei einer Abstimmung wohlgemerkt, bei der es um die Einbürgerung von Immigranten der dritten (!) Generation geht. Menschen also, deren Eltern schon in der Schweiz geboren worden sind. Menschen, die genauso Teil der Schweizer DNA sind wie Rösti, Roger Federer oder eine Person, deren Ur-Großeltern schon den Schweizer Pass hatten.

Diese Woche hat außerdem der deutsche AfDler Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal im Herzen Berlins als Denkmal der Schande bezeichnet. Er versucht damit, eine Bewegung loszutreten, in der die Menschen das Vergessen eines so zentralen Ereignisses der modernen Menschheitsgeschichte befürworten. Anhänger dieser Bewegung begründen ihre Ansichten mit dem Argument, dass man sich nicht für die Taten anderer schuldig zu fühlen habe. Dabei blenden sie aber die Verantwortung unserer Generation komplett aus: Aus der Vergangenheit zu lernen und dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Das geht nur, wenn man die Geschichte kennt.

Und natürlich ist da noch Donald Trump, der entgegen der überwältigenden Mehrheit der Wissenschaftler weltweit behauptet, die Klimaerwärmung sei eine Erfindung der Chinesen mit dem Ziel, die US-Wirtschaft zu schwächen. Grund genug für ihn, um Pipelines durch Reservate von Ureinwohnern zu bewilligen oder Investitionen in die  Kohleindustrie anzukündigen. Wie wir alle bereits zur Genüge wissen, gäbe es bei ihm noch viele weitere Beispiele, die man hier nennen könnte.

Natürlich sind die Statements diese Männer auch Teil einer medialen Selbstinszenierung und erfüllen durch die entstehende Provokation einen Selbstzweck.

Dennoch muss man sie danach beurteilen. Und ich wage zu behaupten, dass man in diesen drei Debatten nicht einmal ansatzweise kompromissbereit sein darf.

Handlungen und Aussagen, die jeglicher Rationalität entbehren und mit denen versucht wird, Menschen in Klassen einzuteilen, die Geschichte einer menschlichen Schande vergessen zu machen oder der Gesundheit des Planeten langfristig zu schaden, müssen wieder und wieder angegriffen werden.

Die Diskussion mit solchen Personen darf nicht – und das hat Manning Obama vorgeworfen – basierend darauf geschehen, dass ein Kompromiss bereits zu Beginn in Aussicht gestellt wird.

Ich persönlich schätze Diskussionen als solche. Ich mag es, ins Weltbild meines Gegenübers einzutauchen und zu sehen, wie er oder sie die Zusammenhänge versteht und zu einem Lösungsansatz gelangt. Ich glaube wirklich, dass ich kein engstirniger Idealist bin und durchaus fähig, mich in die Situation und die Gedanken anderer Menschen hineinzufühlen. Das erschwert es mir auch, mein Verhalten in Situationen zu legitimieren, in denen ich zu keinem Kompromiss fähig bin, weil ich dadurch die Ansicht meines Gegenübers automatisch als irrelevant und falsch abwerte. Das ist etwas, das im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen nicht meinem Naturell entspricht. Und dennoch ist es wohl irgendwie richtig.

Kompromisse für das gemeinsame Ziel

Vince Lombardi hat einmal gesagt, dass individuelles Engagement für ein gemeinsames Ziel das ist, was Mannschaften, Unternehmen oder die Gesellschaft als Ganze arbeiten lässt. Das bedeutet, dass Menschen, auch wenn sie nicht einer Meinung sind, das Ziel der Organisation vorantreiben, indem sie sich irgendwo in der Mitte treffen und von dort aus weiter agieren.

Ich nehme an, dass Obama genau das für die USA im Sinn hatte. Und dieses Denken ist schön, denn es basiert auf einer sehr positiven Menschensicht. Obwohl er nämlich die Meinung der Republikaner während seiner Präsidentschaft nur sehr selten geteilt hat, war auch er wohl dennoch zu einem gewissen Grad der Überzeugung, dass seine politischen Gegner so handeln wie sie es tun, weil sie das Wohl der Vereinigten Staaten im Sinn haben. Sie hatten aus seiner Sicht nur einen anderen Weg vorgesehen, um dorthin zu gelangen.

Wie geht man aber vor, wenn das Ziel der Opposition so stark vom eigenen abweicht, dass ein Kompromiss als Basis nicht ausreicht, um die eigenen Werte langfristig und gesamtgesellschaftlich erhalten zu können?

Dann ist ein Kompromiss keine Option mehr.

„We need someone who is unafraid to be criticized, since you will inevitably be criticized. We need someone willing to face all of the vitriol, hatred and dogged determination of those opposed to us.“

Ob wir nun diesen progressive leader haben oder nicht – wir haben uns selbst und die Gewissheit über unsere Werte. Und auch wenn Österreich mit Alexander Van der Bellen vor Kurzem einen gesellschaftsliberalen Präsidenten gewählt hat, dem das friedliche Miteinander und die Umwelt am Herzen liegen, ist er nicht die Zukunft.

Die junge Generation ist es. Und wir sind es, die langfristig und öffentlich für diese progressiven Werte einstehen müssen.

Mutig, entschlossen – und manchmal kompromisslos.

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