Welt

Nach uns kommst du

carpe

Liebes Kind der kommenden Generation

Ich schreibe dir aus einer Zeit, die für die Welt nicht einfach ist. Die Menschen um mich herum sind in den vergangen Jahren ängstlicher geworden. Die, die mir nahe stehen sorgen sich um liberale Werte wie Toleranz, Weltoffenheit oder kulturübergreifende Empathie. Andere wiederum befürchten eine Abkehr von Tradition und einen damit einhergehenden Kulturverlust. Letztere Menschen sind in meinem Leben zwar seltener, aber sie sind da. Und obwohl ich ihre Sorgen verstehe, kann ich mit ihrem Lösungsansatz nicht einverstanden sein.

In den vergangenen Jahrzehnten schien Europa den liberalen Weg einzuschlagen. Man hat sich vor den Augen der Welt vereinigt; die Menschen haben versucht, gemeinsam nach Lösungen zu suchen für die Probleme, denen der Kontinent als Ganzes gegenübersteht. Man hat probiert, die Barrieren der Sprache und der Kultur zu überwinden, größer zu denken. Man hat sich gegenseitig die Hand gereicht in der Hoffnung, damit die Geister von früher vergessen zu machen und nicht mehr an eine Vergangenheit erinnert zu werden, die uns noch heute die Grenzen der menschlichen Empathiefähigkeit vor Augen führt.

Es war – und ist – eine hoffnungsvolle Zeit. Ich bin ein lebendes Beispiel für diesen Zeitgeist. Denn genau wie ich leben und arbeiten viele Europäer nicht in dem Land, in dem sie aufgewachsen sind, dessen Staatsbürgerschaft sie besitzen. Ohne große bürokratische Hürden war es mir möglich, im Nachbarland Fuß zu fassen, eine Anstellung zu finden und mit offenen Armen empfangen zu werden. Ich darf in diesem Land frei reden, meine Meinung öffentlich kundtun. Ich darf am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Natürlich habe ich den Vorteil der kulturellen Nähe. Als Schweizer spreche ich dieselbe Sprache wie die Österreicher, ich verstehe ihre Traditionen und Bräuche – größtenteils.

Und dennoch bin ich Ausländer. Ich bin nicht von hier.

In einer liberalen, aufgeklärten Gesellschaft werden diese Rechte nicht als außergewöhnlich empfunden. Doch sie widerspiegeln ein Idealbild.

Du darfst nie vergessen, von der Minute, an der du die Bühne dieser Welt betrittst bis zum Moment, wo der Vorhang fällt, dass diese Tatsache keine Selbstverständlichkeit ist. Denn diese Rechte sind das Produkt eines gesellschaftlichen Konsenses. Die Menschen haben beschlossen: Das sind unsere Werte und so stellen wir uns eine ideale Gesellschaft vor. Die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Vorteile, die wir aus einer solchen Lösung ziehen sind größer als unsere Angst vor Identitätsverlust.

Doch diese Einstellungen und Werte sind und bleiben nichts mehr als gesellschaftliche Übereinkünfte. Sie sind nichts physisch Fassbares, nichts Reales. Sie müssen immer wieder von neuem genährt werden, um weiterhin zu bestehen. Deshalb gilt es, sie zu beschützen und an ihrem Fortbestehen in den Köpfen der Menschen zu arbeiten. Tag für Tag. Komme, was wolle.

Denn obwohl das Internet uns heute die Kommunikation mit Menschen auf der ganzen Welt ermöglicht, isolieren wir uns mit unserem Bedürfnis nach einem ideologischen Echo. Ein kluger Mann, Noam Chomsky, hat einmal gesagt, dass das Internet ein positiver Schritt in Richtung Bildung, Organisation und Teilnahme an einer wertgetriebenen Gesellschaft sein könne. Unser momentanes Verhalten zeigt mir, dass das zwar theoretisch möglich ist, eine Vereinsamung zweier gegensätzlicher Pole leider aber mindestens so wahrscheinlich.

Heute ist Donnerstag, der 19. Januar 2017. Morgen wird Donald J. Trump in sein Amt als Präsident der USA eingeweiht.

Ich weiß nicht, wie man auf die Präsidentschaft dieses Mannes zurückblicken wird, wenn du einmal hier bist. Ich weiß nicht, was in den Geschichtsbüchern über ihn gelehrt werden wird, wenn du die Schulbank drückst. Ich weiß nicht, was er dir und dem Rest der Welt für ein ideologisches und gesellschaftspolitisches Erbe hinterlassen haben wird und in welchem Zustand sich unser Planet befindet, wenn du diese Zeilen liest.

Doch ich vertraue darauf, dass du ein Mensch bist, der das große Ganze sieht und sich nicht von fiktiven Zäunen aufhalten lässt. Ich vertraue darauf, dass du deine eigenen Werte kritisch hinterfragst und dich auf die Suche nach der Wahrheit begibst. Ich vertraue darauf, dass du an das Gute in Menschen glaubst und darauf, dass du keine Angst hast – nicht vor dem Fremden und nicht vor den Umwälzungen in deinem eigenen Kulturkreis.

Ich vertraue auf dich.

Denn du bist die Zukunft. Es ist egal, für welche Werte die Menschen eingestanden sind, denen du nichts bedeutet hast. Du stehst auf den Schultern derjenigen, die an dich gedacht haben. Die Menschen, die daran geglaubt haben, dass du es Wert bist, beachtet zu werden. Umweltschützer, Wissenschaftler, wertgetriebene Politiker und andere kluge Menschen, die Jahr für Jahr nach Lösungen gesucht haben, damit du einen Planeten bewohnst, auf dem es sich noch immer zu leben lohnt.

Ich wünsche dir das Selbstvertrauen, daran zu glauben, dass du einen Unterschied machen kannst. Denn nur so werden die Menschen deine Stimme hören.

Ich wünsche dir den Glauben daran, dass man mit ungebändigtem Vertrauen in die Menschlichkeit Geschichte schreiben kann. Dass Menschen, die ihrem moralischen Kompass folgen und für Ideen einstehen, die Generationen überdauern auch selber weiterbestehen werden.

Ich wünsche dir den Mut, die Stimmen zu ignorieren, die dich von deinem Weg abbringen wollen. Denn diese haben dieselbe Wurzel wie die Kräfte, die neben den Vereinigten Staaten auch gerade Europa polarisieren und an beiden Orten das Mit- in ein Gegeneinander verwandeln wollen.

Liebes Kind der kommenden Generation, genieße die Wunder dieser Welt so wie ich es tue, liebe die wichtigsten Menschen deines Lebens und kämpfe für diejenigen, die deinen Einsatz brauchen. Steh für deine Überzeugungen ein und sorge dafür, dass auch deine Kinder dir darin folgen.

Ich schreibe dir aus einer Zeit, die für die Welt nicht einfach ist.

Doch ich hoffe, dir eine etwas ruhigere Welt hinterlassen zu haben. Ich hoffe, dass ich meine Aufgabe wahrgenommen habe und für all die Werte eingestanden bin, die ich dir hier nahelege. Ich hoffe, dass ich mir selbst und meinen Idealen treu geblieben bin.

Damit du nicht bei null beginnst, sondern auf den Schultern deiner Vorgänger stehen kannst.

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