Kultur, Welt

Zukunftsmacher

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Die Zukunft ist eine komplexe Geschichte – wir setzen so viel Hoffnung in sie, haben manchmal etwas Angst vor ihr oder verdrängen gar, das sie auf uns zukommt. Wer sich Gedanken über die eigenen Zukunftswünsche macht, muss sich dabei aber auch immer mit der Gegenwart beschäftigen. Wo bin ich gerade in meinem Leben? Und was tue ich, um dorthin zu kommen, wo ich eigentlich hin will?

Ich habe Weihnachten und Neujahr bei Familie und Freunden in der Schweiz verbracht. Es war schön, wieder einmal im alten Bekanntenkreis Geschichten von früher Revue passieren zu lassen und Gespräche darüber zu führen, in welche Richtungen sich unsere Leben entwickelt haben. Denn obwohl ich mit vielen noch immer in sehr engem Kontakt stehe, geht doch jeder meiner Freunde einen ganz eigenen Weg. Einige davon, wie ich, im Ausland.

So wie mein guter Freund Fabio. Seit einem Jahr lebt er in der französischen Hafenstadt Marseille, was bedingt, dass ich ihn auch bei häufigen Besuchen Zuhause nur selten zu Gesicht bekomme. Als wir am Silversterabend an einer Homeparty eine Unterhaltung über unsere aktuellsten Zukunftspläne beginnen, erzählt er mir zum ersten Mal von diesem Buch, das er gerade liest. Es sei kein gewöhnlichs Self-Improvement-Buch, meint er. Es gehe einen Schritt weiter und bilde quasi ein philosophisches Dach über einen großen Teil der bestehenden Literatur.

Und damit hatte er mich bereits an der Angel.

In The Slight Edge fasst Autor Jeff Olson seine Lebensphilosophie zusammen. Es ist ein Werk, das zugegebenermaßen von inhaltlichen Repetitionen geprägt ist und dessen literarischer Wert als diskutabel bezeichnet werden kann – bei vielen Aspekten kann es jedoch überzeugen.

Manchmal muss man verlangsamen, um vorwärts zu kommen.

Denn Olsons Botschaft ist kraftvoll. Er beschreibt die Wichtigkeit kleiner, alltäglicher Entscheidungen – sei dies im Bezug auf Finanzen, zwischenmenschliche Beziehungen, den eigenen Körper und dessen Gesundheit oder gar auf das Leben als Ganzes. Er betont dabei, dass man bei jeder zu treffenden Entscheidung vor eine Wahl gestellt wird: Gehe ich den Weg, der mich vorwärts bringt oder gehe ich den einfachen Weg? Diese Frage generiert dabei die Folgefrage: Wird mir etwas passieren, wenn ich den einfachen Weg gehe? Und die Antwort lautet: Nein, nicht heute.

In ebendieser Tatsache sieht Olson die Gefahr.

The truth is, what you do matters. What you do today matters. What you do every day matters. Successful people just do the things that seem to make no difference in the act of doing them and they do them over and over and over until the compound effect kicks in.

Seine Philosophie propagiert eine eigentliche Konditionierung darauf, den schwierigeren Weg zu gehen, da dieser schlussendlich der Weg des Erfolges sei. Dabei betont er zudem, dass der schwierigere Weg nicht per se schwierig sei, sondern einfach nur weniger bequem als seine Alternative.

Man kann diese Erkenntnis als Banalität abstempeln und ihr keine weitere Bedeutung zusprechen. Doch aus meiner Sicht wäre das nicht nur unfair, sondern schlicht ignorant.

Denn Unrecht hat Olson damit nicht. Gespickt mit etlichen Beispielen illustriert er den Weg, den erfolgreiche Menschen gegangen sind, um dort anzukommen, wo sie etwas verändern konnten. Dabei hat Erfolg für Olson keinen primär wirtschaftlichen Charakter – soziale Gerechtigkeit, Gesundheit oder spirituelle Erleuchtung werden von ihm auf eine Stufe mit wirtschaftlicher Sicherheit gestellt.

Der wichtigste Faktor seiner Grundidee und damit auch die Essenz seines Buches ist eine Eigenschaft, die er 95% der Bevölkerung abspricht: Durchhaltewille. Und ebendieser Faktor hat in meiner Generation, den Millenials, eine besondere Relevanz, da sich eine gesellschaftliche Gegenströmung etabliert zu haben scheint und Ziele einen Drei-Monats-Horizont haben müssen, um erstrebenswert zu bleiben.

If you’ve ever been told, „You’ll get it if you just want it bad enough,“ I’m here to let you off the hook: it simply isn’t true.

Interessanterweise bin ich nur wenige Tage vor Lektüre des Buches auf dieses viertelstündige Interview mit dem amerikanischen Hochschuldozenten Simon Sinek aufmerksam gemacht worden. Darin spricht er eloquent die aus seiner Sicht größten Probleme von Millenials an. Absolut sehenswert.

Sineks und Olsons Ansichten sind sich in ihren Grundzügen sehr ähnlich. Beide plädieren für eine Abkehr vom Verlangen nach Instant Gratification. Bei Sinek hat dies jedoch einen etwas anderen Hintergrund: Er kritisiert vor allem den Verlust an Kultur, an zwischenmenschlicher Interaktion und die generelle Anspruchshaltung dieser Generation, die aus seiner Sicht nicht in der Lage ist, den Wert von langfristigem Einsatz zu sehen.

Sinnvolle Routinen führen dazu, dass man regelmäßig an seinen Zielen arbeitet.

Olson schlägt zwar in dieselbe Kerbe, tut dies aber mit dem Argument des Erfolgs als Grundmotivation. Dieser Ansatz ist durchaus zu vertreten, da er die Philosophie im Gegensatz zu anderen Self-Improvement-Autoren nicht auf rein ökonomische Aspekte reduziert (für meinen Geschmack tut er dies aber immer noch zu stark). Er betont, wie wichtig es ist, langfristige Projekte anzugehen, zu erkennen, dass sich der Erfolg vielleicht nicht sofort einstellen wird und zu verstehen, dass das okay ist.

Mein Lieblingszitat aus The Slight Edge stammt aber nicht von Olson, sondern von Ralph Waldo Emerson. Er hat es geschafft, die Essenz dieser Ideologie unglaublich prägnant zusammenzufassen:

“Do the thing and you shall have the power.” – Ralph Waldo Emerson

So simpel könnte es also sein. Das denkt sich wohl auch Fabio, der sich voller Disziplin in sein neues Projekt gestürzt hat. Doch auch ich möchte mir Emersons Worte zu Herzen nehmen und in Zukunft noch etwas gezielter an meinen eigenen Zukunftsideen arbeiten.

Fabio und ich haben zudem eine Abmachung getroffen. Er muss mir einmal wöchentlich seinen Projekt-Fortschritt belegen; tut er das nicht, droht ihm eine kleine Strafe. Dieses System kenne ich bereits von einer (bisher) erfolgreichen Vereinbarung mit einem anderen Freund. Ein Buddy-System also, bei dem der einzige Treiber eine mögliche negative Konsequenz ist. Und das ist bewusst – denn die Belohnung soll das Projekt an sich sein.

Never doubt that a single thoughtful, committed person can change the world.

Wenn ich also etwas gelernt habe, dann, dass die Zukunft nicht ein externes Etwas ist, das einfach auf uns zukommt. Die Zukunft ist irgendwann nichts anderes als die Gegenwart. Und um zu bestimmen, wie sich diese Gegenwart für uns anfühlen wird, müssen wir etwas tun. Entscheidung für Entscheidung, Stunde für Stunde, Tag für Tag.

Zum Beispiel heute.

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