Reisen

Ticket For One

koh-tao

Der Dalai Lama hat einmal gesagt: „Gehe einmal im Jahr dorthin, wo du noch niemals warst.“ Wenn man den Statistiken von TripAdvisors Tripbarometer glauben kann, dann haben sich die Menschen dieses Mantra zu Herzen genommen. Ende 2015 gaben 69% der Befragen an, im darauffolgenden Jahr eine neue Reisedestination auszuprobieren. Und genau wie ich wollten viele von ihnen das alleine machen.

Es war 19:15 Uhr Lokalzeit an einem Augustabend, als ich am Suvarnabhumi Airport in Bangkok landete. Ich verließ das Flugzeug, schnappte den dunkelblauen 70-Liter-Rucksack, den Constantin mir für diese Reise geliehen hatte, schlich mich an Kinderwägen und Gepäckstücken vorbei und gelangte schließlich zu einer Schiebetür, die sich vor meinen Augen öffnete und mich in diese neue, südostasiatische Welt mit all ihren Klängen und Gerüchen entließ.

Es war schon immer ein Traum von mir gewesen, alleine eine neue Stadt zu entdecken. Irgendwo, wo mich niemand kannte und wo niemand auf mich wartete. Dieser Gedanke faszinierte mich – in etwas absolut Unbekanntes einzutauchen, sich darin selbst neu zu erfinden und vielleicht auch besser kennenzulernen. Dennoch sollte ich meine erste Solotravel-Erfahrung erst mit 26 Jahren machen.

Ich hatte zwei Nächte in einem Hostel im Herzen der Stadt gebucht. Für die darauffolgenden 19 Tage wollte ich meinen Aufenthaltsort bewusst nicht festlegen – es galt einzig, meinen Rückflug nicht zu verpassen. So aufregend diese Entscheidung für mich war, so schwierig war es mir gefallen sie zu treffen. Doch ich sollte es nicht bereuen.

Auch wenn jeder Tag ein kleines Abenteuer für sich war und seine eigene Geschichte verdient, soll dieser Blogbeitrag bewusst keine Zusammenfassung meines Thailandaufenthalts werden. Viel mehr geht es mir darum festzuhalten, was ich von dieser zuweilen surrealen Erfahrung mitnehmen durfte. Ich will aufzeigen, wieso ich seither allen Menschen um mich herum nahelege, selber einmal ihr Ticket For One zu buchen, den Rucksack mit dem allernötigsten zu füllen und alleine auf Entdeckungsreise zu gehen. Und wieso ich bereits den nächsten Trip geplant habe.

Manchmal ist es schön, keine Kompromisse eingehen zu müssen.

Der nächste Zug, das nächste Flugzeug, die nächste Stadt, die nächste Nacht. All diese Dinge bedürfen Entscheidungen, die es zu fällen gilt und bilden Erfahrungen, auf die man sich einlassen muss. Die Tatsache, dass man diese Entscheidungen alleine trifft, löst sie von jeglichen Kompromissen.

Obwohl ich jemand bin, der Kompromissfähigkeit im Alltag als absolut notwendig empfindet, war dieser Aspekt der Reise eine der befreiendsten Erfahrungen für mich. Die Entscheidungsfindung wird zu einem Prozess weniger Minuten. Und nur ich muss danach damit leben – mit sämtlichen Konsequenzen. Das fördert Selbstverantwortung.

Alleine zu reisen macht selbstbewusst.

Diese Entscheidungen zu treffen und dann zu beobachten, wie großartige Dinge geschehen: das macht selbstbewusst. Dieses Wissen gilt es später auch in seinen Alltag zu integrieren. Ich bin überzeugt davon, dass entscheidungsfreudige Menschen erfolgreicher sind bei dem, was sie tun, weil sie in der Lage sind, Situationen mit all ihren Konsequenzen zu akzeptieren. Außerdem fördert es die Fähigkeit, nach vorne zu blicken, anstatt sich an Fehlern aus der Vergangenheit den Kopf zu zerbrechen. Solotravel hilft einem dabei, diese Fähigkeit zu trainieren.

Aus wir und sie wird einfach nur wir.

Die wahrscheinlich größte Erkenntnis, die man aus einer Soloreise mitnimmt ist jene, dass Menschen jeglicher Herkunft nicht wirklich anders sind als wir selbst. Ich durfte allein in Thailand neben Einheimischen auch Menschen aus Albanien, Frankreich, Neuseeland, Südafrika, dem Iran, Venezuela, Israel und vielen weiteren Nationen kennenlernen. Natürlich waren die meisten aus relativ wohlhabenden Ländern, da ein solcher Trip für die Mehrheit der Bewohner von Drittweltländern auch heute nicht mehr als ein Traum bleibt. Doch was einem bei einer solchen Diversität an kulturellen Hintergründen auffällt sind nicht die Unterschiede, sondern die überwältigenden Überschneidungen, die die Leben dieser Menschen mit dem eigenen haben.

Erfahrungen sind besser als Dinge. Vor allem, wenn man sie alleine erlebt.

Ich durfte mit einer Familie essen, deren spärlich eingerichtetes Haus in der Mitte eines Waldes steht. Für 5€ hatte ich mir eine Unterkunft gesichert, in der ich den Raum mit 19 anderen Reisenden teilte. Ich schwamm neben Schildkröten, fütterte Elefanten und badete mit ihnen im Schlamm. Ich trank mit neuen Freunden ein Bier über den Dächern Bangkoks und entdeckte seine verstecktesten Gassen auf dem Fahrrad. Ich kochte mit einer einheimischen Frau fünf Stunden lang vegetarische Thaigerichte und meditierte mit buddhistischen Mönchen.

Nichts davon war teuer. Doch all diese Erfahrungen werde ich nie mehr vergessen.

Du bist nicht dein Job.

Wie wir alle musste auch ich mich irgendwann entscheiden, was ich aus meinem Leben machen will. Wer ich eigentlich sein will. Und auch wenn ich hier in der Vergangenheitsform schreibe – eigentlich weiß ich das noch immer nicht. Doch ich habe gelernt, dass die Wahl unseres Studiums oder unseres Jobs zwar ein Interesse von uns beleuchtet, wir aber so viele Facetten unserer Persönlichkeit ausblenden, wenn wir uns dadurch definieren. Du bist nicht, was du arbeitest. Es mag ein Teil von dir sein – wenn du dich aber selbst darauf reduzierst, tust du dir und all deinen anderen Talenten Unrecht.

Sowas erkennt man besonders auf Soloreisen, wo man losgelöst von gesellschaftlichen Konventionen und Verantwortungen den Dingen nachgehen kann, die einen gerade wirklich faszinieren. Ich kann nur für mich sprechen. Doch genauso wie ich Schüler, Kommunikationsstudent, Unternehmer oder Projektmanager war, bin ich Geschichtenerzähler, Taucher, Sandburgenbauer, Läufer oder Kulturenthusiast. Und bei anderen Menschen ist das nicht anders.

Entdecke die Welt so, wie du bist.

Man kann natürlich anmerken, dass ich alles oben beschriebene auch auf einer gemeinsamen Reise mit einem Freund oder einer Freundin hätte erleben und lernen können. Das mag vielleicht wahr sein. Doch in solchen Momenten verweise ich gerne auf folgendes Zitat von Alain de Botton:

It seemed an advantage to be traveling alone. Our responses to the world are crucially moulded by the company we keep, for we temper our curiosity to fit in with the expectations of others. Being closely observed by a companion can also inhibit our observation of others; then, too, we may become caught up in adjusting ourselves to the companion’s questions and remarks, or feel the need to make ourselves seem more normal than is good for our curiosity. – Alain de Botton, The Art of Travel

Ich möchte die Welt nicht nur so sehen, wie sie objektiv zu sein scheint, sondern all die Reize auch auf meine Art und Weise wahrnehmen. Ich möchte die Welt sehen, wie ich bin. Und das geht nur, wenn ich eine Reise alleine antrete.

Als ich mich auf dem Rückflug nach Wien befand, dachte ich über all die Menschen nach, die ich getroffen hatte. Auch sie würden wohl irgendwann nach Hause zurückkehren – manche zugegebenermaßen später als andere. Einige würden sich vielleicht dagegen entscheiden und ihr Leben als Reisende weiterführen. Und ich dachte an das Privileg, das ich habe, solche Abenteuer erleben zu dürfen. Genauso wie ich mich in vielen Bereichen des Alltags darüber aufrege, dass ich viele Vorteile genießen darf, von denen andere ausgeschlossen sind, bin ich unglaublich dankbar dafür, diese Chance zu haben.

Denn genauso, wie ich auf diese Art und Weise vieles über die Welt um mich herum lerne, finde ich dadurch Schritt für Schritt heraus, was ich eigentlich will.

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Ein Gedanke zu “Ticket For One

  1. Pingback: Wie eine Sprachreise dein Leben verändert | silvano marco

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