Kultur, Welt

Der Feminist

feminist

Kann ich als Mann Feminist sein? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Brian Klocke von der amerikanischen Organisation NOMAS (National Organization For Men Against Sexism) sagt in seinem Essay zu diesem Thema: Nein, eigentlich nicht. Für den feministischen Gedanken einsetzen kann ich mich aber dennoch.

Klocke argumentiert, dass ein Mann sich in einem patriarchalischen System nicht aus seiner Position als von der Gesellschaft bevorzugtes Mitglied des privilegierten Geschlechts lösen könne. Genauso wie ich als vermeintlich weißer Europäer kein Mitglied des amerikanischen Schwarzen Nationalismus werden kann. Für beides, so erläutert er, müße man Mitglied der jeweiligen Minderheit sein. Er sagt aber auch:

It is crucial for men to be a part of feminist agency. If feminism is to attain its goal of liberating women, men must be a part of the struggle. Indeed, men probably bear more of the responsibility for ending oppression of women since patriarchal men have been the main perpetrators of that very oppression.

Man(n) hat also nichtsdestotrotz die Möglichkeit, sich als feminismusfreundlich oder als anti-rassistisch zu positionieren. Es gibt Spielraum.

Eine Erhebung der Statistik Austria zeigt auf, dass der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern in Österreich 2014 noch immer 22,2% betragen hat. Diese Differenz ist in den vorangehenden acht Jahren zwar um 2,3% geschrumpft, lässt Österreich aber auch heute noch auf dem viertletzten Platz aller EU-Mitgliedsstaaten sitzen.

In Österreich leben 135’000 mehr Frauen als Männer. Dennoch ist der österreichische Nationalrat lediglich zu 31% mit Frauen besetzt. Aus mehr als der Hälfte der Bevölkerung wird im politischen Diskurs also etwas weniger als ein Drittel – diese Tatsache nimmt Mitgliedern eines Geschlechts faktisch die repräsentative Mehrheit auf der Politikbühne. Natürlich ist diese Mehrheit nicht automatisch mit einer politischen Ideologie verknüpft; Mitglied einer Gruppierung zu sein (sei dies rein ideologisch, geschlechter- oder kulturspezifisch) geht dennoch meist mit zumindest teilweise überlappenden Interessen einher.

Es ist bemerkenswert, dass dennoch eine solch krasse Differenz zwischen Realität und einzelnen Einschätzungen im öffentlichen Diskurs zu beobachten ist. Es wird zuweilen behauptet, dass Gleichstellung bereits erreicht sei. Angesichts einer solchen Einschätzung stimmt es bedenklich, wenn gemäß einer aktuellen Umfrage 32 Prozent der Österreicher Vergewaltigung unter gewißen Umständen billigen.

Als hellhäutiger, männlicher, universitär ausgebildeter Schweizer aus der Mittelschicht habe ich den fiktiven Lotto-Jackpot geknackt. Ich wüsste nicht, zu welcher benachteiligten Minderheit ich mich zählen sollte – mir stehen alle Türen offen. Und die Tatsache, dass dies allem voran an Merkmalen festzumachen ist, die ich nicht durch Eigenleistung erreicht habe, macht mich wütend. Ich kann nichts für mein Geschlecht und ich bin überzeugt, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, als Mann geboren worden zu sein. Ich glaube aber auch, dass es auch für Männer notwendig ist, über den Status Quo nachzudenken und für sich selbst herauszufinden, ob man damit einverstanden ist.

  • Bin ich damit einverstanden, dass Frauen in meinem regionalen und kulturellen Umfeld für dieselbe Leistung weniger verdienen als ich?
  • Bin ich damit einverstanden, dass Frauen auch in unseren Breitengraden medial auf ihr Äußeres reduziert werden, während bei Männern Errungenschaften und Erfolge im Zentrum stehen?
  • Bin ich damit einverstanden, dass beim Thema sexueller Ausbeutung zuweilen eine Verhaltensänderung bei der Frau im Zentrum des Diskurses steht und nicht die Erziehung potenzieller männlicher Straftäter?

Kurz: Bin ich damit einverstanden, dass die Hälfte der Bevölkerung noch immer systematisch benachteiligt wird?

Aus meiner Sicht ist der feministische Gedanke alternativlos. Als jemand, der sich für die Rechte von Tieren und die Gleichstellung von Menschen aller Hautfarben und Religionen einsetzt, habe ich keine andere Wahl, als auch diese Ungerechtigkeit zu verurteilen.

Womit wir bei einem der größten Probleme des Feminismus sind: seinem Image. Feministinnen seien Emanzen und Männerhasser. Dass dabei meist nur von Frauen gesprochen wird, lassen wir hierfür kurz außen vor. Aus meiner Sicht werden solche Überzeugungen nicht nur durch mangelndes Wissen über die Thematik und Fehlinformationen genährt, sondern auch durch die einfache Tatsache, dass der Begriff Feminismus sich auf ein Geschlecht fokussiert. Es ist ein Fakt, dass Frauen Männern gegenüber schlechter gestellt sind – der Begriff ist also schon sinnvoll gewählt. Leider ist er aber marketingtechnisch ungünstig, wenn man Männer dazu bringen möchte, sich mit der Ideologie auseinanderzusetzen. Er suggeriert eine Stärkung der Frau, was von Männern vor allem als Schwächung ihrer eigenen Position verstanden wird. Wir können beispielsweise dasselbe beim Begriff des Sozialstaats beobachten – Stigmatisierungen dieser Begriffe fallen dabei so heftig aus, weil die Angst des Einzelnen, der nicht Teil der Benachteiligten ist, darin besteht, bald dazuzugehören. Doch die Benachteiligung irgendeines Geschlechts ist bekanntermaßen nicht das Ziel des Feminismus – die Gleichstellung ist es.

Ein etablierter Vorschlag ist die Bezeichnung Equalismus. Gegner einer Umbenennung des Feminismus argumentieren aber, dass der neue Begriff „impliziert, dass Männer angeblich genau so unter Sexismus leiden würden wie Frauen, dass es keine Geschlechterhierarchie (mit den Männern oben), kein Patriarchat, keine männlichen Privilegien oder allenfalls gleich viele / gleich wichtige männliche wie weibliche Privilegien gibt.“ Ein nachvollziehbares Argument, das die Kommunikationsproblematik allerdings nicht erleichtert.

Ich persönlich werde mich weiterhin als Feminist bezeichnen. Nicht, weil ich Klockes Argumentation vom Anfang nicht nachvollziehen kann, sondern weil es aus meiner Sicht im gesellschaftlichen Diskurs Männer braucht, die durch Verwendung dieser bereits etablierten Bezeichnung versuchen, die öffentliche Wahrnehmung zu verändern: Feminismus ist kein reines Frauenthema.

Ich plädiere für mutigere Männer. Ich wünsche uns den Mut, uns selbst und den gesellschaftlichen Status Quo zu hinterfragen. Und zwar ohne Angst vor der Veränderung und ohne Angst vor Statusverlust.

Denn zwei Dinge sind klar: Der Weg zur Gleichstellung der Geschlechter ist noch weit. Und die Rolle des männlichen Geschlechts in diesem Kampf ist eine zentrale, die lieber früher als später wahrgenommen werden sollte.

Equality is not a concept. It’s not something we should be striving for. It’s a necessity. Equality is like gravity. We need it to stand on this earth as men and women, and the misogyny that is in every culture is not a true part of the human condition. It is life out of balance, and that imbalance is sucking something out of the soul of every man and woman who’s confronted with it. We need equality. Kinda now. – Joss Whedon

 

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5 Gedanken zu “Der Feminist

  1. Ein mutiger Artikel, der es schafft ein sensibles ,und ein für viele gesättigtes, Thema mit Intellekt und Einfühlungsvermögen verständlich zu machen. Er regt zum Nachdenken an ohne gezielt mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Übt jedoch zugleich gekonnt Kritik an dem Status Quo. Ich hoffe auf mehr solcher Artikel, die uns Themen, vor denen wir uns mittlerweile verschließen, wieder ins Bewusstsein rufen.

    Gefällt 1 Person

  2. Cat schreibt:

    Hallo,
    Bitte google mal Pro-Feminismus. Vielleicht würde der Begriff für dich passen?
    Ich persönlich finde es auch nicht sooo super, wenn Männer sich als Feministen bezeichnen (aus den von dir genannten Gründen).
    LG!

    Gefällt 1 Person

    • silvanomarco schreibt:

      Hallo Cat

      Danke für den Hinweis! Ich habe mich etwas über den Begriff informiert und verstehe deine Kritik. Da ich als Mann natürlich nicht Teil der unterdrückten Gruppierung bin, kann man es als anmaßend empfinden, dass ich dieselbe Bezeichnung für mich verwendet habe.

      Ich kann mit dem Begriff Profeminist leben. Allerdings habe ich im Artikel auch erwähnt, wieso ich die Verwendung des Wortes „Feminist“ persönlich als nicht so verwerflich empfinde (beispielsweise verglichen mit „Equalist“).

      Allein die Verwendung des Teilbegriffs „Feminist“, egal in welcher der beiden Bezeichnungsweisen, ist aus meiner Sicht ein Fortschritt für die Bewegung als Ganze. Sobald Männer sich dieser Thematik annehmen und sich auch als Teil der Bewegung bezeichnen, wird die Entstigmatisierung der Begriffe Feminismus und Feminist vorangetrieben.

      Daher (und weil der Begriff schlicht und einfach verbreiteter ist) habe ich mich bisher als Feminist bezeichnet. Aber da ich deinen Hinweis als durchaus sinnvoll erachte, muss ich das für die Zukunft wohl nochmals überdenken.

      Liebe Grüße,
      Silvano

      Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Linkliebe № 1 - LexasLeben

  4. paperrocksister schreibt:

    wenn ich auf Suchen ‚feministisch‘ eingebe, war dieser Beitrag immerhin der erste, der eine Auseinandersetzung mit dem Thema beinhaltet hat, statt irgendwelche Kopftuch-Meinungen von komischen Typen… Also wie kritisch auch immer – es ist eine Auseinandersetzung! Merci

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