Laufen, Reisen

Tortour du Mont Blanc

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Fabio am Todeshang, kurz vor dem steilsten Abschnitt

Ich hatte noch nie in meinem Leben solche Angst. Zu unserer Linken senkte sich der Hang unendlich tief und ich stapfte mit meinen viel zu billigen Wanderschuhen, deren Schnürsenkel schon am vierten Tag gerissen waren, über die vielen, losen Steine. In der Talsohle konnte ich Menschen beobachten, die wie Ameisen einem hellbraunen Pfad folgten, der im satten Grün der Wiesen fast unterging. Wie neidisch ich auf sie war.

Wir absolvierten gerade die Tour du Mont Blanc, eine knapp 170 Kilometer lange Fernwanderung, die uns von der Schweiz aus über Frankreich nach Italien und zurück führen würde. Wir hatten uns vorgenommen die 10’000 Höhenmeter in zehn Tagen hinter uns zu bringen. Schlussendlich würden wir es in achteinhalb schaffen. Und dabei beide 3 Kilo abnehmen.

Fabio und ich waren falsch abgebogen. Wir hätten dort unten, bei den Ameisen sein sollen. Irgendwo, wo wir nicht nach einem falschen Schritt sterben würden. Aber eben, im Nachhinein ist man immer klüger. Mittlerweile hatten wir nicht wirklich eine Wahl. Wir befanden uns in der Mitte des Abhanges, der zur Gänze von kleinen, losen Steinen bedeckt war. Wir waren bereits gute 45 Minuten in diese Richtung gelaufen. Zurück ging nicht. Nur weiter nach vorne und damit zwangsweise weiter nach oben. Dabei lag unser Ziel viel tiefer, unten im Tal – im italienischen Courmayeur.

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Der Todeshang

Gestartet waren wir früh morgens auf französischem Boden beim Col de la Seigne auf 2516 Metern, nach einem Tag, den wir nie vergessen werden. Es hatte während des ganzen Vortages durchgeregnet. Fabio war unterkühlt gewesen, als wir im Refugio angekommen waren, er zitterte am ganzen Körper, seine Lippen waren blau. Ich musste unsere israelischen Zimmergenossen um Tee und eine zusätzliche Decke bitten. Fabio befreite sich von seinen völlig durchnässten Sachen. Auch unsere Rucksäcke hatte es ziemlich erwischt, weshalb wir sie einige Stunden in den Heizraum stellen mussten, der gerochen hatte, als hätte man in seiner Mitte ein Lagerfeuer entfacht. Wir wickelten Fabio ein und er schlief fast drei Stunden. Ich hatte etwas mehr Glück, da ich mit einer (zugegebenermaßen hässlichen) aber in dieser Situation absolut notwendigen Regen-Pellerine unterwegs gewesen war.

Wir waren Mitten auf einem Berg, ohne Handyempfang, ohne Internet, eingehüllt in grauen Nebel.

In dieser Nacht hatten wir nicht mehr genug Geld für’s Abendessen. Hod, ein Rabbi aus Jerusalem, der die ganze Regenstrecke mit uns mitgelaufen war und uns unzählige Geschichten aus seinem Leben und aus seinen bisherigen Reisen erzählt hatte, tauschte zwanzig seiner Euros mit dem gleichen Betrag an Franken von uns, weshalb wir uns doch noch etwas Warmes gönnen konnten.

So kläglich unsere Situation sich niedergeschrieben anhören mag, so wundervoll war sie. Ich erinnere mich, wie ich in Flip-Flops durch den Regen vom Badezimmer in einer separaten Hütte zu unseren Betten gelaufen bin. Es war viel zu kalt. Dort angekommen hörte ich das Lachen von zehn Männern, die ich nur eine Stunde zuvor nicht gekannt hatte. Wir waren Mitten auf einem Berg, ohne Handyempfang, ohne Internet, eingehüllt in grauen Nebel. Praktisch ohne Geld. Und doch irgendwie ziemlich sorgenfrei.

Als wir am nächsten Tag den Hang entlang liefen, hatte Fabio sich zum Glück erholt. Doch genau wie bei mir selbst, konnte ich auch bei ihm angesichts unserer Aufgabe einen leichten Anflug von Panik erkennen. Glücklicherweise war ich in der Lage, meine Unruhe etwas zu verstecken. Bepackt mit 15 Kilo auf dem Rücken schafften wir es nach mehr als eineinhalb Stunden ans Ende des Hanges. Dort angekommen legten wir unsere Rucksäcke ab und ließen uns einfach auf den Boden fallen.

Ich weiß noch genau, wie wir uns angeschaut haben und wie wohl jeder für sich dachte, wie dumm das gerade gewesen war. Für einige Minuten saßen wir still da und blickten in ein neues Tal, das man von hier aus sehen konnte.

Und ich konnte nicht anders, als mir zu denken, dass es das wert gewesen war.

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Die Aussicht nach Überwindung des Hanges

Diese Erfahrung hat mir viel gegeben. Obwohl ich noch nie eine solche Angst empfunden hatte, konnte ich Ruhe bewahren. Und wir hatten es tatsächlich geschafft.

Natürlich war es dumm, keine Frage. Aber ich habe mich selten so lebendig gefühlt wie nach diesem kleinen Abschnitt der Wanderung, die durch unseren Umweg nun sogar noch einige Kilometer dazugewonnen hatte.

Und auch der Rest der Reise hatte etwas Magisches. Wir fühlten uns wie Entdecker. Stundenlang liefen wir einsam durch Täler und Wälder, beide ausgestattet mit Stöcken, die wir auf dem Weg gefunden hatten. Und wir verstanden, wieso diese Wanderung bei Menschen aus der ganzen Welt so beliebt war. Denn wir befanden uns beide auf sehr persönlichen Reisen. Fabio auf seiner, ich auf meiner.

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Fabio und sein Wanderstock

Wir sprachen nicht immer miteinander. Meist lief ich etwa 30 Meter vor ihm, ehe wir alle paar Kilometer einen Halt machten, uns austauschten und etwas tranken. Und das war okay. Ich empfand es dennoch als verbindende Erfahrung, die unsere Freundschaft sicherlich vertieft hat. Gleichzeitig war es aber auch fast meditativ. So ganz ohne Musik, meistens alleine, nur mit der Natur und sich selbst. Oft 20, 30 Kilometer lang.

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Die Bergkette des Mont Blancs

Auf der Heimfahrt nach Zürich reflektierten wir die Erfahrung. Für uns beide war es die erste Fernwanderung gewesen. Aber definitiv nicht unsere letzte. Denn unser Selbstbewusstsein und unser Tatendrang waren trotz physischer Erschöpfung, Schmerzen in den Beinen und Blasen an den Füßen so groß wie nie zuvor.

Wir dachten uns: Wenn wir das geschafft haben – was können wir noch schaffen?

Und wir haben beschlossen, irgendwann wieder eine gemeinsame Reise zu unternehmen. Dabei gilt es aber zwei Bedingungen einzuhalten: Es muss ein Abenteuer sein. Und es muss etwas sein, das wir uns kurz davor selbst nicht zugetraut hätten.

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2 Gedanken zu “Tortour du Mont Blanc

  1. Was wäre, wenn alles perfekt gewesen wäre. Wetter, Ausrüstung und immer auf dem richtigen Weg. Die Erinnerung verblasst dann nach kurzer Zeit. Aber bei diesen Eindrücken und Erfahrungen, die ihr hier machen durftet, das bleibt euer Leben lang in eurem Hirn eingebrannt. Auch wenn es unterwegs nicht immer leicht war, ihr habt gespürt, dass ihr lebt und das ist ja der große Unterschied zu einem langweiligen Hotelurlaub.
    LG
    Gerhard

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