Kultur, Welt

Das Spiel des Lebens

baby

Stell dir vor, du beginnst ein Videospiel. Das Logo erscheint, du hörst einen Soundtrack. Die Erfahrung beginnt. Es geht los.

Du tauchst ein in diese neue Welt, losgelöst von allem, was du vom Alltag kennst. In diesem Spiel gibt es keine unabgewaschenen Teller in der Spüle, keinen überquellenden Müll, es gibt keine Rechnungen, keine Menschen, die dich in der Schule gemobbt haben. Es gibt keine Flüchtlingskrise, keinen Trump, keinen Hofer, keinen Hass oder Rassismus. Diese Welt gehört nur dir, dir allein.

Du wirst eine Spielfigur, kannst dich neu erfinden. Neue Haare, ein neues Gesicht, neue Kleidung. Ein neuer Mensch. Und wow, hast du ein Selbstvertrauen! Du rennst über die gefährlichsten Felder, nimmst es mit den größten Bösewichten auf und trittst ihnen stets ohne Angst entgegen. Du bist der Held. Und du liebst es. Du liebst dieses Gefühl von Freiheit. Du liebst es, das Leben deiner Spielfigur selbst in die Hand zu nehmen. Selbst zu entscheiden. Denn dir kann nichts passieren.

Du lebst den Moment.

Du tauchst ein in diese neue Welt, unvoreingenommen.

Aber kehren wir nochmal zurück zum Anfang. Stell dir vor, du beginnst ein Spiel, nur diesmal ist es nicht digital. Es ist echt. Du wirst geboren. Da gibt es keinen Soundtrack, höchstens das Ticken der Maschinen im Entbindungssaal und deine Schreie, das erste Schnappen nach Luft. Die Erfahrung beginnt. Es geht los.

Du tauchst ein in diese neue Welt, unvoreingenommen. Das Spiel wartet mit Aufgaben auf dich, schwierigen Aufgaben. Erst musst du lernen zu laufen. Dann zu sprechen. Du beginnst, die Menschen um dich herum zu verstehen.

Du kannst nicht wirklich etwas an dir ändern, du bist wie du bist. Das Spiel ist in Hard Mode. Der Zufall entscheidet, wo du beginnen musst. Wenn du Glück hast, landest du bereits mit 99 von 100 Geld-Punkten auf dem Planeten, an einem Ort, wo wenig Gefahr lauert. Wenn du Pech hast, ist dein Punktekonto leer und du bist gerade auf der Flucht vor Menschen, die du nicht kennst, wegen Konzepten, die du nicht verstehst. Hard Mode halt. Und Zufall.

Mit der Zeit werden die Challenges schwieriger. Du sollst jetzt lesen lernen und dich mit anderen Spielern anfreunden, die in etwa gleich lange dabei sind wie du. Doch nicht jeder Spieler muss das. Je nachdem wieviele Geld-Punkte du hast, musst du vielleicht auch mithelfen, das Feld deiner Familie zu beackern. Oder du musst Zeit mit fremden Männern verbringen. Vielleicht musst du in eine Fabrik, wo auch andere Spieler deines Alterslevels sind und ihr müsst gemeinsam an eurem individuellen Geld-Score arbeiten. Im besten Fall gibt es aber bereits andere, ältere Spieler, deren positiver Geld-Score an deinen gebunden ist. Wie gesagt, Glück braucht’s halt schon.

Das Spiel wird tragisch, wenn es echt ist.

Vielleicht weinst du manchmal abends, nach einem harten Tag. Vielleicht möchtest du auf Reset drücken, das Spiel neu starten. Aber das geht nicht. Der Zufall hat entschieden, jetzt musst du das Beste draus machen. Das kann schon brutal sein. Und unfair.

Das Spiel wird tragisch, wenn es echt ist. Wenn es nicht auf einem Screen, sondern genau jetzt, auf diesem Planeten, auf dem du und ich und wir uns gerade befinden, passiert. Eine neue Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef in Zusammenarbeit mit der Weltbank belegt, dass mittlerweile rund 385 Millionen Kinder weltweit in extremer Armut leben. Das sind 60 Millionen Menschen mehr als die gesamte Bevölkerung der USA, die mit weniger als $1.90 pro Tag auskommen müssen. Alles Kinder. Besonders betroffen ist dabei Afrika südlich der Sahara sowie der südliche Teil Asiens, allen voran Indien, heißt es im Bericht.

Der Beginn deines Lebens darf nicht mit einer Wertigkeit verbunden werden.

Jetzt stell dir vor, du bist eines der 99er-Kinder. Du hattest mehr Glück als andere, dein Geld-Score ist an jenen deiner Eltern gebunden. Und ihnen geht es gut. Du besuchst eine gute Schule, lernst lesen, schreiben und rechnen. Für Essen ist gesorgt und dein Trinkwasser ist sauber. Du bist gesund.

Dafür musst du dich nicht schämen. Oder es rechtfertigen. Du kannst genauso wenig für deinen bereits jetzt etablierten Status, wie ein Spieler, der bei null anfangen musste. Der Beginn deines Lebens darf nicht mit einer Wertigkeit verbunden werden.

Und ja, auch dein Leben ist nicht einfach. Vielleicht machen sich die Kinder in der Schule lustig über dich, weil du unkonventionell aussiehst. Vielleicht lassen sich deine Eltern scheiden. Du musst eine Klasse wiederholen und bist jetzt der älteste im Unterricht. Und alle wissen es. Vielleicht hast du einmal etwas peinliches laut gesagt und niemand hat es vergessen.

Das Leben ist nicht leicht, definitiv. Egal, wo man beginnt. Und jeder von uns hat ganz eigene Challenges zu bestehen, die keineswegs einfach sind.

Dieses Spiel hat uns ein einziges Leben gegeben. Hard Mode. Wir investieren so viel Zeit, es so optimal wie möglich zu gestalten, das Maximum auszuschöpfen. Zu reisen, zu konsumieren, zu lachen, miteinander zu schlafen, ein Eigenheim zu kaufen, unsere Karriere noch mehr und noch mehr zu forcieren. Es zu schaffen. Das Leben zu meistern.

Und doch verstehen wir oft nicht, worum es in diesem Spiel überhaupt geht. Wir rennen einem fiktiven Highscore nach. Wir erschießen andere Spieler, die wir als Gegner empfinden. Wir kämpfen um Ressourcen, nutzen die Schwäche derjenigen Spieler aus, die das Spiel mit einer null als Geld-Score begonnen haben und folgen dabei mehr als fragwürdigen Idealen.

Sei ein Spieler, der das Spiel versteht.

Doch dabei vergessen wir etwas essentielles: Das Spiel war nie für Einzelspieler gedacht. Wir befinden uns in einer Multi-Player-Simulation. Der Highscore ist nicht das Geldkonto, es ist die bestmögliche Befindlichkeit unseres Planeten und der Menschen darauf. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass es dem Jungen und dem Mädchen, die ohne Möglichkeiten, vielleicht ohne Liebe oder aber ohne Chancen auf finanzielle oder physische Sicherheit an einem wirtschaftlich aussichtslosen Fleck der Erde zur Welt gekommen sind, besser geht. Gleichzeitig sollte man sicherstellen, dabei nicht unser Spielfeld zu zerstören. Denn genauso wenig wie du ohne Wiese, Tore und Ball nicht Fußball spielen kannst, können wir ohne einen gesunden Planeten nicht leben.

Und nein, ich bleibe dabei. Du musst dich nicht dafür schämen, dass es dir gut geht. Im Gegenteil: Sei unglaublich glücklich darüber. Genieße es. Lache, küsse, kaufe etwas wundervolles, entdecke die Welt, trinke ab und zu eins über den Durst, sei neugierig nach Wissen, schöpfe deine Möglichkeiten in vollen Zügen aus. Aber sei dem Zufall dankbar. Denn genau er ist dafür verantwortlich: der Zufall. Und nutze dein Privileg, um auf der richtigen Seite zu stehen. Bei unserem Planeten, mit all seinen Menschen, Tieren und seiner unglaublichen Natur. Sei ein Spieler, der das Spiel versteht.

Renn über die gefährlichen Felder, nimm es mit den größten Bösewichten auf und tritt ihnen stets ohne Angst entgegen. Im Videospiel sind sie leicht zu erkennen, im echten Leben etwas weniger. Aber wehr dich gegen Menschen, die gegen deine Werte ankämpfen, die dich verstummen lassen wollen. Menschen, die sich nicht für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen. Wehr dich gegen Hass, gegen Gier und gegen Ausbeutung. Und kämpfe für alles, woran du glaubst. Das muss nicht auf einem Schlachtfeld passieren – das geht auch im Alltag.

Und vergiss nie: Auch im Multi-Player-Modus braucht es dich. Einen rationalen, empathischen und von der Welt begeisterten Helden, der weiß, wofür es sich zu spielen lohnt. Jemanden, der Teamwork versteht und der das große Ganze sieht.

Denn ohne dich gibt es keine Gewinner.

 

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