Laufen

Abendläufer

abendslaufen

Wenn ich um 19:00 Uhr im Laufoutfit mein Wohnhaus verlasse und die massive Holztür hinter meinem Rücken zufällt, ist Wien bereits in Dunkelheit gehüllt.

Ich laufe los und sehe Menschen, die gerade ihre Abendeinkäufe erledigen, Autos, deren Lenker sich nach wohlverdienter Erholung Zuhause sehnen und Gruppen von Freunden, die gemeinsam durch die Straßen der Stadt traben, auf der Suche nach dem Pub für’s Feierabendbier. Ich mag die Lichter, die einem begegnen und den Fakt, dass man sich noch anonymer als tagsüber durch die wartenden Massen an den Lichtsignalen schlängeln kann.

Bald schon wird die Umgebung wesentlich ruhiger, die Atmung mutiert zum einzigen Geräusch.

Ich renne über die Bimgleise, bei gelb über die Ampel und blicke auf der Brücke in beide Richtungen, um nicht von einem übereifrigen Fahrradfahrer überkarrt zu werden. Am Donaukanal, meiner üblichen Laufstrecke angekommen, beginnt dann die Trance. Umhüllt vom eisigen Wind und der eigenen, aufsteigenden Atemluft springe ich die Stufen hinunter und renne stromaufwärts. Bald schon wird die Umgebung wesentlich ruhiger, die Atmung mutiert zum einzigen Geräusch. Ab und an kommt mir einer dieser Läufer entgegen, von denen ich immer denke, dass sie alle besser ausgerüstet sind als ich. Überall tragen sie reflektierende Kleidung, helle Schweißbänder, neonfarbige Laufschuhe und eine aufleuchtende GPS-Uhr. Mein kurzer Anflug von Neid verfliegt aber rasch, wenn ich dran denke, dass ich in meiner dunklen Kleidung fast unsichtbar dem Kanal entlangschwebe.

Denn ich mag das. Ich liebe diese absolute Anonymität der Großstadt. Und ja, für Zürcher ist Wien sehr wohl eine Großstadt, auch wenn langjährige Bewohner immer wieder etwas anderes behaupten. In der Schweiz hätte ich, sofern ich wie hier durch’s Stadtzentrum gelaufen wäre, alle paar Meter ein bekanntes Gesicht erblickt. Das passiert mir hier nie. Und obwohl ich meine Wiener Freunde mag – ich genieße dieses Alleinsein über alle Maßen.

Es gibt Menschen, die können Alleinsein nicht von Einsamkeit unterscheiden. Ich glaube, dass ich das früher auch nicht konnte. Zumindest nicht gut. Doch ich habe gelernt, dass das zwei Dinge sind, die unterschiedlicher fast nicht sein könnten. Das eine ist ein Zustand, das andere ein Gefühl. Der Grund, wieso es mir früher schwerfiel, das zu unterscheiden, war die Tatsache, dass ich die Absenz von anderen Menschen wohl immer unwissentlich als Kritik an mir empfunden habe. Diese Wahrnehmung bedeutet aber gleichermaßen, dass man nicht glücklich werden kann, wenn man alleine etwas durchleben muss. Und das ist unglaublich gefährlich.

Freunde fragen mich oft, wieso ich laufe. Das macht ja keinen Spass, es passiert ja nichts.

Zum Glück liegt es schon einige Jahre zurück, dass ich diese Angst überwinden konnte. Vielleicht tauche ich deshalb so in diese Dunkelheit ein und versuche, mich quasi bedeckt von ihr absolut auszupowern. Ich erreiche die Brücke bei Spittelau, von der ich nicht einmal den Namen kenne, die aber mein Ankerpunkt ist, an dem mich umdrehe und den Stadtpark als mein neues Ziel avisiere.

Freunde fragen mich oft, wieso ich laufe. Das macht ja keinen Spass, es passiert ja nichts. Aber in diesen Abendläufen passiert so viel mehr, als sich ein Nicht-Läufer vorstellen kann. Ich bin so kreativ wie nie, weshalb ich immer mein Handy auf mir trage. Diese eine Idee, die uns heute bei der Arbeit gefehlt hat – da ist sie. Der Text, den ich schon lange schreiben möchte – davon muß er handeln, diese eine Botschaft hat ihm gefehlt. Außerdem reflektiere ich Dinge, die im Alltag viel zu schnell untergehen. Wen habe ich schon lange nicht mehr gesehen? Ich muß dieser Person nachher mal wieder eine Nachricht schreiben. Oder sie anrufen.

Aufgrund seiner eigentlichen Passivität hat Laufen auf mich eine unglaublich pushende Wirkung, die mein Hirn stärker aktiviert als jede andere Stimulation eines normalen Tages. Die Tatsache, dass dies in einer stillen, kühlen und nur von vereinzelt aufscheinenden Lichtern gezeichneten Umgebung geschieht, macht Laufen für mich zu einer fast magischen Erfahrung. Und in Verbindung mit dem Alleinsein zu einem sehr persönlichen Erlebnis.

mde

All das kann man einem Nicht-Läufer erklären. Man kann ihm sagen, dass die Schmerzen in den Beinen und die leicht angefroreren, feuchten Haare an der Stirn nach einem 16km-Lauf im kalten, abendlichen Wien angenehm sind. Und dass man sich unglaublich frei gefühlt hat. Aber genau wie ich dieses Gefühl vor zwei Jahren nicht hätte nachvollziehen können, wird es wohl auch diese Person nicht können. Abendläufe sind einzigartig und sie sind etwas, das man erlebt haben muss, um es zu verstehen. Und um es zu schätzen.

Erst wenn man diesen Punkt erreicht hat, merkt man, dass die Kälte und die Dunkelheit der Stadt nicht halb so abschreckend sein müssen, wie man im ersten Moment glaubt.

Auch nicht allein.

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