Kultur, Menschen

Casey Neistat – Jeden Tag Mensch

casey

Vergangene Woche war mein Freund Constantin bei mir zu Besuch. Der Plan war relativ simpel: etwas FIFA 16 spielen, die Ereignisse der Woche Revue passieren lassen und den ein oder anderen lustigen Youtube-Clip anschauen. Da Constantin selbst Youtuber ist, kennt er die Szene relativ gut und weiß im Allgemeinen, was auf der Plattform so abgeht. Er erzählt mir von einem Typen aus New York, der in den letzten eineinhalb Jahren sein gesamtes Leben dokumentiert und täglich ein Video online gestellt hat. Ein ziemlicher Aufwand, denk ich mir. Aber wie spannend kann so etwas schon sein?

Extrem spannend. In den darauffolgenden Stunden bin ich ins Leben von Casey Neistat eingetaucht. Er ist leidenschaftlicher Filmemacher, hatte aber bereits mit 17 Jahren seinen Sohn Owen und dadurch nie die Mittel, um sich die Immatrikulation an einer Film-Universität leisten zu können. Ein absoluter Autodidakt also. Aber auch ein großartiger Geschichtenerzähler.

Wir fahren gemeinsam mit Casey und Owen Ski auf den schneebedeckten Straßen New Yorks, erleben seine Vater-Sohn-Motorrad-Reise durch die weiten Landstriche Vietnams, schauen dabei zu, wie er seine südafrikanische Frau zu Neujahr überrascht, als er spontan eine eineinhalbtägige Reise auf sich nimmt, um zu ihr und ihrer Familie zu fliegen. Wir erleben mit ihm, wie sein Sohn älter wird und sind fast schon Teil dieser intimen und innigen Beziehung.

Casey teilt vieles. Und er teilt es ehrlich. Er scheint keine Angst davor zu haben, sein Leben und seine Gefühle in die Öffentlichkeit zu tragen, solange es ihm die Möglichkeit gibt, dabei das zu machen, was er immer schon wollte: Geschichten erzählen. Und genau das macht ihn so erfolgreich. Er schafft es, während all diesen Episoden (Stand heute: 733 Videos) einfach er selbst zu sein. Man hat das Gefühl, eine Beziehung mit diesem Menschen aufzubauen, der an der amerikanischen Ostküste lebt, immer wieder durch die halbe Welt reist und den man vermutlich nie mit eigenen Augen zu Gesicht bekommen wird.

Und das ist schön. Weil es zeigt, dass Youtube-Content, um erfolgreich zu sein, nicht einfach nur laut sein muss. Es muß niemand geprankt werden, es müßen keine süßen Katzenfails aneinanderschnitten werden (an dieser Stelle: ich hab nichts gegen Katzenvideos, im Gegenteil!). Aber es zeigt, daß wir uns Echtheit und Menschlichkeit wünschen und dass wir uns Geschichten ansehen, die uns bewegen, weil wir an die tiefere Botschaft glauben. Und Caseys Botschaft ist so simpel wie sie mächtig ist: Finde raus, was du wirklich willst, wofür du stehst und was du bewegen möchtest – und dann mach genau das.

Doch darüber reden können viele. Vielleicht klebt auch bei euch ein Motivationszitat mit genau dieser Aussage an der Schlafzimmerwand. Bei mir sind’s Sticker am Regal und am Kühlschrank. Die Tatsache, dass dieser Typ seine Zeit aber nicht dem Aufkleben von Zitaten widmet oder nur öffentlich über seine Träume spricht, sondern morgens aufsteht, an seinem Plan festhält, abends mit einem Kaffee vor seinem Computer sitzt und das Footage seines Tages so zusammenschneidet, dass es absolut öffentlichkeitstauglich ist und erst noch eine Botschaft beinhaltet – das ist einfach nur beeindruckend.

Was er dabei nicht vergisst, sind die zwei Grundpfeiler seines Erfolgs: Offenheit und Authentizität. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass es die Kommunikation gegen außen für ihn stark vereinfacht und ihn gleichzeitig glaubwürdig macht. Wenn man die Wahrheit sagt, gibt es keine wirkliche Angriffsfläche. Und das tut er auch jetzt, nach der bisher größten Veränderung seitdem er auf der Erfolgswelle reitet.

Casey hat vor Kurzem aufgehört zu vloggen (Achtung: nicht zu youtuben) und kurz darauf bekanntgegeben, dass sein Start-Up Beme von CNN gekauft worden ist.

Und selbst in diesen Momenten bleibt er sich treu. Er macht ein Video, adressiert dabei die schwierigsten Fragen, die in seiner Fanbase herumschwirren und macht damit aus kommunikativer Sicht schlicht und einfach alles richtig. Er schafft gar etwas Unerwartetes: Die Menschen gönnen es ihm. Etwas seltenes in Zeiten, in denen Neid und Missgunst medial allgegenwärtiger sind als jemals zuvor. Aber wir können auch anders.

Weil wir vielleicht halt eben doch einfach Menschen sind. Und weil Casey es mit seinen Beiträgen geschafft hat, Werte wie Empathie, Liebe, Lebensfreude und Abenteuerlust in uns hervorscheinen zu lassen. Ein kleiner nicht zu vernachlässigender Nebeneffekt des Versuchs, seinen eigenen Traum zu verwirklichen.

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